Die Kultur, dachte Georg, im Stuhl zurückgelehnt, kommt bald ab, und das Gefühl, glaube ich, wird auch bald abkommen. Man sieht es ja an der Kunst, die kommt schon ab, ihre Züge haben sich bereits erschreckend gewandelt wie die von einem, der in den letzten Zügen liegt, bloß burlesker. Aus dem Drama ward das Theater und zuletzt der Kientopf, aus dem Gedicht das Couplet, aus dem Maler der Futurist, aus der Musik das Grammophon. Und wie ist es mit dem Kunstgewerbe? Da soll nun auf einmal alles geschmackvoll sein, und was kostet das für Mühe! Der Grieche, wenn er etwas machte, das ihm wohlgefiel, siehe da, so wurde es schön; wir aber wollen immerzu etwas Schönes machen, und dann gefällts keinem. Wenn ich aber gar einen individuellen Türklopfer sehe, so wird mir vor meiner Gottähnlichkeit bange. Georg raffte sich auf, tauchte die Feder ein und schrieb:

Zuweilen verbrachte Herr Topf die Abende in einem behaglichen Zimmer von schwerfälligem Reichtum; auf dem Sofatisch brannte eine verstellbare Lampe aus Messing mit grünem Schirm, und daneben saß die Tante von Herrn Topf, die er Tante Henriette nannte, und strickte oder häkelte, während sie sich von ihrem Neffen ein modernes Buch vorlesen ließ, Strindberg oder Sternheim, über den sie sich wütend ärgerte, aber das mochte sie gern. Die kleine Eisenbrille mit dicken Gläsern saß ihr vorn auf der Nasenspitze, zuweilen blickte sie darüber hinweg in die dunkle Zimmerecke, wo ein kleiner weißhaariger Mann in hellgrauen Beinkleidern, sehr soigniert, mit einem rosenfarbenen Papageien im Schoß saß oder auch am Kanarienvogelbauer herumbusselte und seinen grüngelben Bewohner mit dem Taschentuch leise quälte. Oder aber er ging zum Ende seines Korridors, klopfte an die Tür und wurde von einem ganz hellen: Herein! in das große, kahle Zimmer, dämmrig im Schein der Petroleumlampe auf dem Schreibtisch am Fenster, gerufen, wo (unter den riesigen Bildern Kaiser Wilhelms und seiner Gemahlin auf der roten Tapete) der Komparativus von Herrn Topf saß oder vielmehr eilig aufsprang, ganz klein und zierlich, aber mit schönem, dichtem Vollbart um das rötliche Gesicht, hocherfreut und lächelnd: Herr Töpfer, Schriftsteller und radikaler Sozialist ... Georg schrak auf; eine Tür ging fern, langsam kamen weiche Schritte Stufen herauf, schlürften auf dem Gang. War der Briefträger gekommen? Nein, die Schritte endeten in der Küche, ein Topf auf dem Herde wurde hörbar gerückt. Georg legte die Feder hin und begab sich auf das Sofa.

Wozu schreibe ich das? dachte er mißmutig.

Denn immer und immer wieder, fuhr die Kette von Worten und Gedankenbildern in seinem Gehirn hartnäckig fort, kehrte er aus alledem zur ewig gleichen trüben Tiefe des eigenen Daseins zurück. Dort suchte er am Grunde, aber das Gewesene, das er fand, machte ihn hülflos, er hielts und konnte es nicht verstehn, er hatte kein Gedächtnis, keine Erinnerung, die Vergangenheit rührte nicht mehr, das Bewußtsein, daß es einmal gewesen, Bedeutung, Lebendigkeit, Glanz, Farben gehabt hatte, oder daß am Ende er zu schwächlich war, sein Leben nur eine genietete Kette von Augenblicken — deren einzelne unsinnig und monströs in ihrer übertriebenen Verzerrung des Stillstandes aussahen wie losgetrennte, sekundenkurze Bilder eines Films, und von der im Zusammenhang stets nur drei oder vier Glieder sichtbar waren, indem das letzte schon wegschmolz, während das neueste kaum erst keimte —, daß da nur ein Zusammenhängen war, kein Wachstum, ein Gleiten, kein Aufbau, daß er dergestalt, auf einen winzigen Raum von Gegenwart angewiesen und zusammengedrückt, sich erhalten sollte, Jahrtausende, ungeheuer und drohend, hinter sich, eine nachtfinstre Zukunft, drohend und ungeheuer vor sich: das erfüllte ihn mit einer großen Verdrießlichkeit, die, das wußte er wohl, kein Leiden war, kein Schmerzerdulden, die zuzeiten aber doch zu lebhaften Angstzuständen, ja manchmal in ein Schrankenloses der Beklemmung wuchs.

Georg schüttelte den Krampf der sich schreibenden Sätze erbittert von sich, setzte sich auf, legte die Ellbogen auf die Knie, starrte in die Lampe und dachte, er habe wohl den Teufel zitiert, denn nun stieg die Angst wie Spinnen von allen Wänden herunter. Ich habe mich, dachte er verkniffen, vor mir selbst ins Papier gerettet, da liegt nun mein Abklatsch, nichts als ekelhaftes, absurdes, vor sich hinlallendes: Ich! ich! ich! Wozu sitze ich denn hier? Wozu hab ich seit drei Monaten ein und denselben Anzug am Leibe und nenne mich Topf? Was habe ich in diesen Topf gefüllt? Die schwarze Regentraufe von den Dächern ist hineingelaufen, aber von keiner Menschenseele ein Tropfen. Kommt es nicht auf die Menschen an? Ich kenne sie nicht. Töpfer kenne ich, der ist eine kleine Welt für sich, Frau Wisch, nun ja. Alle andern sind mir eklig. Wenn ich sie in der Elektrischen sitzen sehe, zusammengepfercht, viertelstundenlang still, vor sich hinblickend jeder in sein eignes, verrammeltes Ich aus ihren Bündeln von Gesichtszügen, die so notdürftig von da und dort her zusammengerupft und verknotet sind, daß man es kaum begreift, so schüttelt mich der Abscheu. Jeder ist jedes Feind. Mein Feind ist der Kellner, der nicht im Augenblick fliegt, wenn ich eintrete, mein Feind der Schaffner, der geflissentlich meine Hand mit dem Groschen übersieht und zu andern Fahrgästen geht, mein Feind der Beamte am Postschalter, der sein Geld zählt, sortiert und Päckchen häuft, oder Zahlen addiert, anstatt mir meine Fünfpfennigmarke zu geben, mein Feind die Verkäuferin, die mich warten läßt, und die fünf oder drei Frauen und Männer im Laden, die mich zwingen, Minuten meines Lebens wegzuwerfen, die nicht so viel wert sind wie das Einwickelpapier um die Butter, — die ich mir aber um keinen Preis entreißen lasse. Alle hassen Alle, was soll daraus werden? Und nur um der Ungeduld willen. Ungeduld schreit aus jeder Bewegung, aus den Augen des Chauffeurs, dem ich nicht rechtzeitig ausweiche, aus — aus jedem Auge! Ich aber, nur ich, ich hänge überm chaotischen Abgrund einer Seele, meiner Seele, und weiß, daß ich einsam bin, und daß Alle es sind wie ich. Das ist meine Angst, das ist die Angst, das ist die Angst der Stadt.

Nein, du lügst ja, sagte etwas in ihm. Er horchte hin, legte das Gesicht in die Hände und gab es zu. Aber gleichviel, woher die Angst! Sie ist da, und Angst ist Angst. Ich fürchte mich vor der Zukunft. Ich unternehme Dinge, die — deren Ablauf mir unbekannt ist, ich klage einen Vertrag ein, der mich auf einen Thron bringen soll, und ich weiß nicht, was das heißt, was all damit verbunden ist, und wie ich die nötige Sicherheit in mir selber erlangen soll, da ich, da ich — auf diesen Thron nicht gehöre. Und über all das hin braust das unendliche Hunnengeschwader meiner Gedanken, die ich nur fliegen lassen kann, nicht halten.

Georg empfand, daß ihn hungerte; auf die Uhr blickend, fand er, daß es kurz vor halb acht war. Er räumte die Blätter flüchtig auf das Bett, öffnete dann die Tür des Verschlages und holte nacheinander von der Fensterbank eine gläserne Dose mit Butter und einen Teller mit einem Stück Holländer Käse, von dem Bort überm Waschtisch einen Viertellaib Brot, einen Teller, ein Messer, zwei Eier aus einem Kasten, eine Tüte mit Zucker und sein blaues Wasserglas, brachte alles auf dem kleinen Tisch unter, schlug die Eier ins Glas, tat Zucker dazu, rührte um und trank, dann erst setzte er sich, strich zwei starke Scheiben, belegte sie mit Käse, schnitt sie in Würfel und fing an zu essen. Appetitlos kauend und schluckend, folgte er Gedanken, die sich rastlos erneuerten.

Ein Übelstand der Zeit ist es vermutlich, daß wir uns Kenntnisse — nicht Wissen — mit so ungeheuerlicher, hexenhafter Geschwindigkeit aneignen; und mit dieser, durch Jahrhunderte entwickelten Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit der Erfahrung kennen wir, was wir nie erfuhren. Was wir kaum sahen, dessen erinnern wir uns schon wie an hundertmal Erlebtes; mit der gesammelten Erfahrung unsrer Vorfahren geboren, ohne sie erworben zu haben, sind wir bloß Erben, — ja, wir, sage ich da recht literarisch, aber wäre ich wirklich allein so? Ich kenne ja niemand, aber ich glaube es nicht. Nichts pflegt einmalig zu sein. Wir leben zu schnell, wahnwitzig schnell, und da heißt es denn — er lächelte kränklich —: In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling. Bald auf gerettetem Boot treibt er zum Hafen als Greis.

Aber mir, nein, mir blieb keine andre Wahl, in dieser Zeit nicht. Ich war bislang ein Kind, ein Erzeugnis meines Vaters; der überrumpelte mich; und ich war ein Kind, ein Erzeugnis meiner Zeit. Ich allein hätte mich damals in Altenrepen vielleicht anders entschlossen, wenn ich nicht — wie wir eben Alle — mit den alltäglichen Dingen des Straßenlebens, des Lebens überhaupt so verwachsen wäre, daß ich mich ihrer Beeinflussung nicht entziehen konnte. Wie sollte ich mich zurechtfinden, damals? Zwischen elektrischen Bahnen, am Telephon, zwischen Läden, Kellnern, den Gesichtern, Anzügen, Hüten von heute, die doch nicht nur außen um mich herum sind, sondern organisch wesenhaft in mir, Formen meines Denkens, Empfindens, meines Seins, — ja zwischen all dem, was sollte ich anfangen mit diesem unzeitgemäßen Erlebnis? Es ist Kolportage, auf Hintertreppen war ich nicht eingestellt. Vor zwei, dreihundert Jahren, da hätte es gepaßt, zwischen Butzenscheiben und alte Sprüche an den Hausbalken, verschnörkelte Giebel, seidene Schärpen und nächtliche Straßengefechte, Serenaden und Entführungen. Das Schicksal drückte mirs in die Hand, — ich ließ es fallen.

Helene, dachte er. Der Bissen quoll ihm im Munde, er schluckte heftig, stand auf, griff hinter sich nach der Karaffe auf dem Waschtisch, setzte sie an den Mund, trank einen tiefen Schluck und stellte sie fort. — Sie war mir so fremd, immer so fremd, ich wußte nicht, weshalb, — von welcher Mutter bin ich nun geboren? Vielleicht hat sie vor Jahrhunderten schon gelebt.