Gedankenlos und müde aß er die letzten Brocken und dachte: Was nun?
Plötzlich ekelte es ihn vor dem Sofa. Ich will zu Töpfer gehn, sagte er sich trübe, vielleicht — —. Also löschte er die Lampe, trat auf den Korridor, hörte aber, als er auf die erleuchtete Milchglasscheibe am Flurende zuschritt, Stimmen drinnen, und nun fiel ihm ein, daß er am Nachmittag jemand zu Töpfer hatte gehen hören. Nun gleich, dachte er nachlässig, ich habe nichts gehört, klopfte an, hörte das helle: Herein! und trat ein.
Die Gaslampe am verbogenen Arm unter der Decke strahlte kalte Helle. Ja, da sprang der zierliche, kleine Mensch vom Stuhl am Sofatisch auf — er und ein andrer Mensch saßen essend daran —, stellte sich mit geschlossenen Füßen hinter seinen Stuhl, die Lehne fassend und sang in seinen hellsten Tönen, den Kopf tief zurücklegend: „Ah, der Herr Positiv tritt herein! wie überaus angenehm!“ und dergleichen mehr, während Georg, den Fremden ins Auge fassend, der sich hinter dem Tisch vom Sofa erhob, auf ihn zuging. Teller mit Wurst, Butter, Käse, Milchgläser standen auf der ungedeckten Platte. Der Fremde blickte Georg aus einem zartbräunlich und rosigen Gesicht mit weichem, schwarzem Spitzbart aus herzgewinnend liebenswürdigen, großen Augen an und bot Georg die Hand, während Herr Töpfer weiter sang, dies sei der Herr Topf, der den Berliner Roman schreibe, und das sei der Herr Levite aus Warschau.
Ein Nihilist, dachte Georg, indem er wegen der Störung des Speisens um Entschuldigung bat, aber Herr Levite versicherte mit angenehm weicher und tiefer Stimme, sie seien schon fertig, setzte eine offene Holzdose mit russischen Zigaretten über den Tisch vor Georg und zündete, da Georg eine nahm, gleich ein Streichholz an und reichte es ihm. Georg setzte sich, ungemein angezogen, und versicherte, mit dem Roman sei es nichts. Herr Töpfer, der wieder Platz genommen hatte, wiegte herzlich bedauernd den Kopf und meinte, gleich begütigend, er mache ja auch so wunderschöne Gedichte ... Hellaufsingend schraubte die Stimme sich empor. Die dunkle und weiche fragte sehr ruhig: „Glauben Sie damit der Menschheit zu nützen?“
Georg, erschreckt von der geraden Anrede, wehrte hastig ab: „Nein, nein, Gott bewahre, ich finde mich selber —, ich bin froh, wenn ich mir selber keinen Schaden zufüge!“
„Unser alter Streit“, klagte Herr Töpfer bedauernd und herzlich. „Sollen denn nun die armen Dichter wirklich aus dem Staat heraus? Lieben Sie nicht Ihren Dostojewski über alles? Und — da wir guten Deutschen —“ jubelte er hoch hinaus — „wenn wir von uns selber reden, stets Goethe als Beispiel heranziehn, so sagte Goethe —“
Allein der Pole schlug ihn sanftäugig nieder, während er noch an dem Zitat sammelte: „Goe—the sagt alles.“
Bestrickend war diese Stimme und die Aussprache des Deutschen! Die Silben kamen einzeln, rein und weich umhüllt, die S- und auch die Z-laute summten zart, die Vokale wurden um einen Hauch gedehnt, die Konsonanten um einen Hauch gedrängt, — es klang entzückend, kein Deutscher konnte die Sprache so zierlich handhaben wie dieser Pole.
„Ich liebe ihn,“ sagte die ruhige, nachdenkliche Stimme nun, „und ich verstehe ihn su lesen; für andre ist er — das Gift. Ich muß sugebben,“ fuhr er langsam fort, die Augen zu Georg aufschlagend — während er mit der Zigarette im Aschbecher rührte —, so daß Georg das Herz zitterte vor Hingezogenheit und liebevoller Umfangenheit von diesen guten Augen — „ich muß sugebben, daß die deutschen Dichter etwas voraushaben. Denn sie sind niemals reine Dichter. Wie andere als die grosen Vertreter Englands un Frankreichs, als Dickens und Flaubert oder Balzac gehen die Ihren vor. Jene wollen das Leben darstellen, sie wollen weiter nichts als das: Sie lieben — der Mensch, da steht — der Mensch, Sie sehen ihn, Sie fühlen ihn, er iist so warm, Sie verstehen — sein Leid, und er iist so, Sie heben an ihm, und Sie heben alle Fäden der Wurzeln, er iist fest in seinen Zusammenhängen, das ist so grose Kunst. Wenn dies die Menschen lesen, so vergessen sie sich, es ist — Su—ro—gat, aber es macht sie nicht froh an ihrem Teil, sie schmähen es, sie schmecken es nicht mehr so, sie gehen ihre Treppe nicht gern, ihr graues Haus macht sie Angst, ihre Frau ist schlecht un häßlich, der Hauswirt ist sehr böse, all dies ist nicht in Dickens, dort ist alles schön, der Schmutz ist schön, die Menschen sind schön un böse; sie haben Gewalt, sie scheinen anders lebbend, und dies ist, was ich sage: Gift. Ich kenne nicht viele deutschen Schrift—stellers, aber ich kenne Goethe, ich kenne auch ein wenig Keller und mit dem französischen Namen — — er ist sehr schwer! — Jean Paul, und sie sinnd sehr nachdenklich. Sie wollen nicht darstellen: der Mensch, sie wollen immer sagen: das Lebben, die Welt, der Gott. Ihre Menschen, sie fragen immer: Warum? Sie kümmern sich so viel um sich selber und um der Welt ...“
Da er innehielt, nach Worten suchend, sagte Georg: „Ja, gewiß, aber ist das nicht noch stärker der Fall bei den Russen? Ich meine —“