Der schöne, rote Mund im schwarzen Bart nahm ihm freundlich lächelnd die Rede ab:
„Sie saggen, was ich wollte. Auch der Rus—se, er denkt; er denkt an Rusland. Alles ist Rusland, nur ist Rusland, und ist Rusenwesen, Rusenleben. Nicht aber der Deutsche! Der Deutsche, er rechfertik sich, daß er ist. Er sieht die Welt: Wie kam er herein? Was tut er? Was fängt er an mit sich? Und er fragt: bin ich gut? Er hat viel Sennsuch nach sich selber, der deutsche Mensch. Immer denkt er auf Besserung. Und er muß immer vorher viel denken, ehe etwas kann geschehn. Sehen Sie,“ fuhr er eifriger und gütiger fort, „ich glaube an der deutsche Land,“ — er lächelte, „was nicht heißen soll, ich glaube an der deutsche Staat. Sie gennen Ihre Geschichte. Es hat gegebben ein Reich, Römisches Reich deutscher Nation, das haben gemacht — die Kaiser, gemacht hat es: die Person. Nunn es gieb wieder ein Deutsches Reich seit viersig Jahr, das hat gemacht der Gedanke, es hat selber gemacht: das Land. Fünfhundert Jahre der Gedanke hat gedacht: Deutschland, und es mußte kommen Napoleon und ihm sagen: Endlich fange an! und so fing es an, ein wenik, und es dachte wieder nach, das Land, sechsig Jahr, da gab es ein kleines Deutsches Reich. Ich hoffe sehr,“ lächelte er erst Georg, dann Herrn Töpfer an, „es wird immer denken lang—sam weiter bis in ein deutsches Reich europäischer Nation, wenn es dann giebt nich mehr Sar, un Gaiser, un Gönig.“
Georg, die Arme untergeschlagen, saß still da, so sehr untertauchend in das warme, schmeichelnde, dunkle Wallen dieser Stimme und die Lieblichkeit, mit der die Gedanken darin zum Vorschein kamen, daß lange Zeit verstrichen war, ehe er die Stille im Zimmer bemerkte. Er wußte nichts zu sagen. Ein leises Gefühl — wie Scham — bohrte in seiner Herzensgrube. Töpfer hatte sich mit heftig um einander gewundenen Beinen seitwärts im Stuhl gedreht und hielt, die Stuhllehne unter der Achsel, das Gesicht nahe darüber in den Schatten. Georg hörte den Levite wieder und sah ihn auf dem Sofa sitzen, das Gesicht tief gesenkt, die Arme unter dem Tisch, anmutig lächelnd:
„Mir fällt ein: ein Freund von mir machte dies Gleichnis: Legen Sie hin vor einen Engländer, einen Deutschen, einen Russen, einen Franzosen, geschrieben das Wort Ich, und er soll dahinterschreiben ein — wie heißt es? — ein Verb, was werden diese schreiben? Der Engländer, — er wird schreiben, serr einfach: Ich bin. Der Franzose, gleich — schreibt: Ich lie—be! Der Russe, er schreibt, — er besinnt sich, er schreibt: Ich sün—di—ge ... Der Deutsche, — nun, Sie wissen serr genau, was er schreibt, wenn er nicht sagt: Ich werde gehen und denken, was ich werde schreiben ...“
Sie lachten sich an und freuten sich miteinander. In das Gelächter scholl ein leises Pochen an der Tür, Georg drehte sich im Stuhl und sah Frau Wisch mit einem Brief in der Hand, den sie ihm hinstreckte: „Sie missen unterschreiben, Herr Topf, — ein Brief für Sie!“
Georgs Herz schlug wild, er nahm das Papier und einen Tintenstift, den sie ihm reichte, unterschrieb auf dem Tisch, bat dann die Herren, ihn zu entschuldigen, und ging hinter Frau Wisch her, in sein Zimmer. Lange mußte er nach den Streichhölzern tasten, bis er sie auf dem Absatz des Bücherschranks fand. Endlich brannte die Lampe, er riß den Brief auf, ein Schreiben fiel heraus, er entfaltete den großen Aktenbogen, sah schön geschwungene Schriftzüge, Unterschrift — das Hofmarschallamt, ein unleserlicher Name, er klaubte eilfertig Worte heraus:
„... gnädigstes Schreiben ... ehrerbietigst zu beantworten ... Kenntnis genommen ... Nachsuchen in den Archiven so lange verzögert ... allerdings gefunden ... dürfte aber von einer Art scheinen, daß die Verwirklichung sich nicht ohne Bruch der Reichsverfassung durchführen ließe ... und infolgedessen rätlich sein, daß Euer Durchlaucht sich vielleicht gleich an die hierfür zuständige Stelle ...“
Was war das für ein Unsinn? — War das Hohn? Was hieß das?
Er legte den Bogen zusammen, entfaltete ihn wieder, las, fand keinen Rat. Sollte der Vertrag ungültig sein? Aber sein Vater ...! Nun versteh ich die Welt nicht mehr, murmelte er und sah sich dastehen wie Meister Anton bei Hebbel ...
Nicht ohne Bruch der Reichsverfassung ...? Er dachte an Töpfer. Aber wie sage ichs ihm? Sein Herz klopfte heftiger. Sagen wir ihnen, wer wir sind, dachte er hochfahrend und ging zur Tür. Er mußte plötzlich die Stirn daran lehnen. Er suchte nach Gedanken, dabei fiel ihm ein, daß es besser sei, ihm den Vertrag selbst zu zeigen, ging wieder zum Bücherschrank, öffnete und fuhr zusammen, da Cordelias Rubinglas ihm entgegenfunkelte — — drohend. Sich zusammennehmend, griff er in die Tiefe hinter dem noch verschlossenen Türflügel, öffnete den Truhendeckel und holte den Vertrag heraus, schloß die Tür — mit dem Gefühl, er schlösse eine Tür vor einem Menschen — das Glas noch dahinter sehend —, richtete sich auf, ging hinaus und klopfte bei Töpfer.