„Ach, unsre Ju—u—geend —
Wird — so — ver—geu—eu—det —
Ja — uns—re — Jugendzeit —
Die — wird — ver—tan ...“
„Nun ists aber genug“, bemerkte Schley. „Genug!“ schrie Georg, „geschenkt, Füchse, hinsetzen! Macht, daß ihr —“, er verstummte, für sich allein ergänzend: „— hinauskommt!“ — Und die Zwillinge setzten sich verdutzt und eilig. Augenblicke später verschwanden sie. — Schwalbe erhob sich, verkündete das Bierduell mit dem Stichwort „Baltoborussia sei’s Panier!“ und Schley und Georg standen auf.
„Ergreift die Waffen, berührt die Waffen, los!“
Die ersten Gläser verschwanden schnell. Als Georg, etwas langsamer am zweiten schlang, sah er zu Virgo hinüber; die saß wie ein Steinbild mit Augen wie schwarze Löcher. Als ihr Mann das letzte Glas ergriff, erhob sie mechanisch die rechte Hand, wie um ihn zurückzuhalten.
„Borussia sei’s Panier!“ sagte Georg mühsam, das Glas hinsetzend, und Schwalbe kündigte an, daß Herr Baron von Schley als zweiter Sieger hervorgegangen sein dürfte.
Plötzlich war alles durcheinandergeraten. Georg saß irgendwo und redete ununterbrochen auf die Allerholdeste ein, aber dann riß das ab, Georg irrte umher zwischen Stehenden und Sitzenden, fühlte sich sehr unglücklich und in seiner Sehkraft beeinträchtigt. Lichter verschwammen blitzend in Qualm, Wänden und blauen Flecken; was er ansah, schwang sich kreisend zur Seite; ganz hinten stand eine weibliche, kleine, weiße Gestalt, die er auf keine Weise erreichen konnte, sie hatte ihn ja weggeschickt, obwohl er sie so glühend liebte, nun stand sie mit einem Andern dort und sprach Schlechtes von ihm, o, sie war ihm entsetzlich böse, und unglücklich war sie, Georg brach das Herz, es war im Leben nicht wieder gutzumachen, denn morgen — nein übermorgen reiste sie nach Japan. — Da, jetzt saß er wieder, hatte einen andern — Schwalbe — dicht neben sich und redete unaufhörlich auf ihn ein, steigende Rührung im Herzen und das Gefühl unermeßlichen Genusses im Ausschütten seiner geheimsten Gedanken. Hin und wieder hörte er auch den Andern sprechen, verstand ihn auch, sah seine rundliche, rote Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sein eigenes Knie zu tippen, fühlte sich bekräftigt und verstanden und redete wieder. — Dann wurde ihm furchtbar übel; er bezwang sich noch, allein es ward schlimmer, der Raum, die Lampen, grüne Wipfel, ein großer, geschweifter, grauer Lampion wankten auf ihn zu, er stand auf und fand sich im selben Augenblick unter ungeheuren Qualen seiner in Stücke brechenden Brust, keuchend mit rinnenden Augen und quellendem Munde über ein Becken gehängt. Dann riß wieder alles ab, er erwachte und hörte ein ohrenbetäubendes Geheul, fühlte sich in die Lüfte erhoben, Hände tasteten an seinem Leib, er wurde getragen, hatte eine blaue Mütze in der Hand, die er schwenkte, rief: „Baltoborussia for ever!“ Plötzlich glitt er zur Erde, stand wankend, umarmte jemand und saß auf einem Stuhl, ein Glas in der Hand, während immerfort jemand kam, um ihm die Hand zu schütteln, worauf er dann einen Schluck ekelhaft bittern Zeugs in sich trank.
Und wiederum eine Weile später kämpfte Georg mit den Ärmellöchern eines Mantels, fluchte, weil jemand ihn hinten am Kragen in die Höhe reißen wollte, und dann stand er vor einer Droschke, innen und außen beladen mit Korpsbrüdern in Zivil, die sich auf Georg stürzten und ihn — durch das Fenster, wie es schien — hineinzwängten. Sie führen nach einem herrlich stinkenden Ort, sagten sie und sangen den schönen Choral: Lasset uns noch einen verlöten! während einer unendlichen Fahrt durch eine finstere Fabrikstadtgegend. Schließlich hielten sie den Wagen an und hatten noch zwei Straßen zu gehn, vornüberschießend, Georg unter jedem Arm einen Zwilling, von denen immer einer stehen bleiben wollte, um eine Rede über Moses zu halten. Dann ging es irgendwo Treppen hinauf in ein Haus, in einen kleinen Saal voller Mädchen, die in Jubelgeschrei ausbrachen. Georg wußte noch: nach dem ersten Glase Sekt bin ich hin ... Dann trank er es.