Einige Zeit später hatte Georg das Gefühl, zu erwachen, jedenfalls wurden allerhand Dinge deutlich um ihn, und er fand sich an der Wand eines Saales mit unaussprechlich öden Wänden lehnen, ein Sektglas in der Hand, das im selben Augenblick zu Boden fiel, und zum Umsinken berauscht. Im Saal, unter den vom Tabaksqualm und Staub fast blinden Glühbirnen war ein Hexentanz von einigen zwanzig Mann in Fräcken, Röcken oder Hemdsärmeln und ebensovielen splitternackten Weibern, die Georg unsäglich garstig und alle zu kurzbeinig erschienen. Einmal tat sich für Sekunden der Schwarm auseinander und durch die Gasse sah Georg drüben einen großen, hagern Menschen stehn, hektisch und ungesund, der mit theatralischer Gebärde im ausgestreckten Arm ein nacktes Mädchen lehnen hatte wie eine Harfe, auf deren Leib er mit der Rechten große Harpeggien griff; dazu deklamierte er mit hohler Stimme, deutlich vernehmbar: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ... Dies Bild schwand spurlos, etwas Nacktes und Weiches taumelte gegen Georg, sank, während er, selber auf einen Stuhl fallend, es schwach festhielt, in seinem Schoß zusammen und schlief ein. Eine Zeitlang betrachtete er das fleischerne, magere Bündel Schlaf und tote Freude auf seinen Knien, legte ihren Kopf behutsam an seiner Schulter fest, ließ sein Gesicht weinend darüber fallen und schlief auch.
Schütteln erweckte ihn wieder; auch das Mädchen erwachte, klammerte sich an ihn, schluchzte und wollte ihn nicht fortlassen. Georg entkam jedoch irgendwie, fand sich bald darauf allein in einer morgengrauen, nebligen Straße und ging mit dem stumpfen Entschluß, zu Fuße heimzugelangen, halb im Schlaf so lange durch unbekannte Straßen, bis ihn ein Automobil fand, in dem er sein Haus in der Morgensonne unter lebhaftem Vogelgezwitscher erreichte. O Gott! dachte Georg, als er auf sein Bett fiel, o Gott! Morgen ist Sonntag!
Kaddisch
Georg, an sich selber verzweifelt festgebissen, mit Verwünschungen beladen, entstellten Herzens voll Wut und Öde, hockte auf einer Bank im Park am Sonntagnachmittag. Seltsam schwärzlich war die, schon wie später Abend tiefe Dunkelheit in der Luft; tiefschwarz, nur durch den Fußweg und schmalen Uferstreifen von Georgs Füßen getrennt, der Teich, in dem große Stücke von kalt grauem Silber glommen. Der letzte, mehr schwere als scharfe Atemzug des abgestorbenen Winters schien in den feuchten Lüften abzustehn.
Ich habe, sagte Georg zum hundertsten Male zu sich, wie eine Canaille an mir selber gehandelt. Ich bin ein Pfuscher meines Lebens. O mein Gott, flehte er elend, sollte es wahr sein, daß seit — seit — er tastete nach einer Vorstellung und fand wieder nur, seltsam in der Luft hängend wie ein Stück kalten Mondes, diese — Maske —, seit dieser Maske also die Dinge anfangen, mir zum Unheil auszuschlagen? Ja, warum ging ich denn zu den Balten? Um die Maske zu versuchen. Dann war alles natürlich und überraschend freundlich und nun — — ich weiß zwar nicht: ist Schley wirklich auf dem Wege nach Japan? Und bilde ich mir nur ein, daß er seinen Assessor abgelegt hat? — Nun, es wird schon so sein, daß er verschwindet. Schwalbe werde ich kaum haben können, höchstens für mich allein, nicht an den Abenden, den — o diese Abende, nun kommen sie wieder, da kommen sie! Ich bin verwünscht! — Er krümmte sich, die Stirn zwischen den Fäusten. — Selbst wenn es, wie Ellerau sagte, nur drei in der Woche sein sollten und ich mich um die andern herumdrücken kann, für mich allein esse ... dann ist noch der Paukboden, und der ganze Fechttag am Sonnabend, da sind tausend Zwischenfälle, die mir Stücke aus meinem Leben schneiden — ach, es ist ja nicht auszudenken! — Ihm brach der Schweiß aus allen Poren; es war, als schwitzte er Fett aus Händen und Gesicht, sein Hirn dröhnte und kochte, die Augen brannten, der Gaumen lechzte, und im Magen polterten ekelhafte, moorige Massen. — Wenn ich, dachte er sich als letzte Rettung aus, in spätern Jahren einmal mein Leben in der Hand halten werde und nachsehen, was dies und jenes für ein Gewicht und Gesicht darin hatte — was für ein Aussehn mag dann dies Erlebnis haben?
In der Grotte von Buschwerk hinter ihm raschelte es, ein Vogel oder eine Ratte, sonst war kein Laut in der furchtsamen Abendstille. Die Stücke bleichen Himmels glommen leidenschaftlich und zuckten im düstern Teich; Gewölk rollte darüberhin, graues und schwarzes. Auf den Ufern umher standen die kaum belaubten Bäume dunkel und regungslos; schwer hangend, fahl, die Trauerweiden drüben an der kleinen Brücke, die ins Trostlose zu führen schien. Oben huschte die lautlose, verfinsterte Wolkenbewegung. Die Luft stand, nicht kalt, nicht warm, unfreundlich.
Will es nun nicht endlich bald regnen? dachte Georg erbittert. — Es regnete nicht, aber es wurde unheimlicher, als stünde etwas bevor. Bäume fingen an wie Gespenster auszusehn, wie entseelt, wie entsetzt. Aber all dies ist in mir, dachte Georg; die gute Natur, sie weiß nichts, sie nimmt die Gestalt von dieser oder jener Stunde an, wenn wir das Herz danach haben, es zu sehn. Wir sagen dann: heiter, oder: trübe, weil uns immer etwas peinigen muß oder freun. Du, Natur, schlichte, richtige, bist ohne Entweder-oder, aber du giebst nach, wenn wir uns an dich hängen, wir immer Beladenen; du hast nur dich selber zu ertragen, du entwächsest dir nie, du bist dir immer leicht und schwer genug, derweil wir stürzen oder steigen, hängen oder fliegen — ich glaube, all das Elend kommt doch allein von unsern Füßen her. Wenn wir fest stünden, würden wir vor unendlichem Staunen über all die Bewegung um uns her längst in diese milde Ergebenheit des duldenden Baumes versunken sein, der allem nachgiebt und um nichts sich bemüht. Aber diese Stunde ist wahrhaft schrecklich. Vielleicht war es doch sie allein, die sich den Nachmittag über entfalten wollte, rang und nicht konnte. Ich stand am Fenster, stundenlang, und sah, wie sichs wandelte. Nun ist es ja, als lägen überall Tote begraben; unterm Rasen dort rechts, der wie mit umdüsterten Augen herüberblickt, durch die Dunkelheit, die sich hebt und bewegt; im Teich, unter allen Bäumen — vielleicht liegen welche überall, still, mit gefalteten Händen, ohne Bewegung, aber sie haben begriffen, daß sie tot sind, und wissen nicht, was nun geschehen wird.
Ach, stünden sie auf einmal! alle, in irgendeiner Gestalt! gingen umher, streiften mich, daß doch nur einmal etwas geschähe, das entsetzte, das starr machte, das man nicht aus sich heraus erfinden müßte wie jedes Staunen, jeden Schrecken, jedes Gefühl, das tausend Jahre alte, tausend Male empfundene. Daß einmal etwas hereinbräche über einen, von draußen, von weit draußen, ein Unmeßbares, für das man nicht im Augenblick alles bereit hätte, um es festzustellen, um es zu erkennen! Ich verstehe Raskolnikoff, ich verstehe, daß er etwas tun mußte, von dem er nicht vorher wußte, was es sein würde; das sich vorher berechnen ließ bis aufs Haar, und das doch ein völlig anderes sein würde, wenn es geschehen war. Ich verstehe, wie er mit all seinen Haaren, mit zehntausend schmerzlichen Knoten an seiner Umgebung hing, an Steinen und Menschen, an Häusern und Geschäften, an Gefühlen und Plänen, an Büchern und Maschinen, und wie er den einen, einzigen Ruck haben wollte, wo alles das riß, und er so allein war im Raum, wie nur die Seele eines Mörders allein ist, die zwischen Sternen sitzt und friert.
Dummheit friert an mir. Aber ich schreibe ihnen, sie möchten entschuldigen, ich wäre gestern betrunken gewesen, und sie möchten mich gefälligst ... Heut noch schreib ichs, denn wenn ichs heut nicht tue, so fällt mir morgen ein, mich an ihre edlen Regungen zu wenden und dem Konvent eine freundliche Rede zu halten, und dann bin ich schon ihresgleichen, und sie kriegen mich doch herum. Oder am Ende ists heute doch nur der Alkohol im Leibe, und wenn morgen früh die Sonne scheint, denk ich, es wird schon gehen, oder daß ich wieder acht Tage verreisen kann, und daß sie mich auf vier Wochen hinaushängen, oder daß ich einfach versuche, zu tun, was mir paßt, zu ihnen gehe, wann mirs beliebt, und warte, was sie tun. Warum soll ich auch handeln? Wär es eine Gemeinheit, ein Verbrechen, das man bereuen könnte, Herrgott, so hätte man doch was getan! Nun ists bloß eine Dummheit, und — ist das ein Mensch, der Schatten da? Ich bin ja ganz schreckhaft geworden! —
Hinter der nackten Esche, die vom rechten Ufer her ihren riesigen Ast kahl und schweigsam über die fahle Fläche reckte, kam der Schatten hervor, trat dicht ans Wasser und stand dort, seltsam, als ob er hinge, dunkel vor der Undeutlichkeit des Parks und dem bleichen Scheinen im Wasser. Nach einer Weile glitt er fort und verschwand zur Rechten hinter Gebüsch. Georg nahm seinen Stock von der Bank, drehte sich seitwärts, legte das linke Bein über das rechte, den rechten Ellenbogen auf die Banklehne und den Kopf auf den Unterarm.