Sie hätte es wohl vergessen, murmelte Irene matt, es sei ja auch gleich.
Renate sagte, damit könnte sie wohl recht haben, denn sie hätte wohl gleich gemerkt, daß es sich hier wie immer nicht um das Was handle, sondern um das Wie, und Irene habe sich ja auf unbegreifliche Weise haßerfüllt und abgeneigt von vornherein gegen Klemens gezeigt ... Sie brach ab, da sie Irene in ihrem Sessel hinten, ohne hinzuhören, sich nur angestrengt besinnen sah. Gleich darauf fing sie auch an: Lieben, hätte er einmal gesagt, lieben könnte man doch nur, was einem fremd sei. „Wie? frage ich. — Zum Beispiel: Gott, sagt er. — Gott? frage ich erstaunt, und da fällt mir natürlich Otto ein, und ich frage, ob er vielleicht behaupten wollte, daß Otto mir fremd wäre. — Er wäre überzeugt, unterbricht er mich, daß es nichts gäbe, was einander fremder wäre als zwei Menschen, Mann und Weib.“ Jason spitzte die Ohren. „Mein Mann ist mir lieb, nicht fremd, sage ich. — Abgesehn, sagt er, von der Logik, was meine Ehe denn für eine Kunst wäre. — Liebe, sage ich, nicht Ehe. — Ah, sagt er da und tut hocherstaunt, Sie wissen also doch sehr gut, daß Liebe und Ehe nicht das geringste miteinander zu tun haben. — Ich falle aus allen Wolken und sage: Was? — Denn Liebe, doziert er so recht pedantisch, Liebe ist ein Gefühl, und Ehe ist eine Einrichtung.“
„Nun, da haben wirs“, sagte Jason entzückt. „Ein Mensch kann nicht mehr tun als ein andrer, aber dies war ja nun sehr ausgezeichnet, ein ganz ausgezeichnet wahres Wort! Ich möchte fast glauben, daß er es mir abgelauscht hat. Immer und immer habe ich das gesagt: Liebe und Ehe, die beiden haben miteinander genau so viel und so wenig gemein wie das Leben und der Tod. In der Ehe nämlich herrscht das Gesetz, ja bis in die allerkleinste Wallung und Verrichtung des alltäglichen Ehelebens hinein waltet der Geist der Verträglichkeit auf Grund des Vertrages. Was aber tut das Gesetz? Es tötet. Es tötet ab, es erstarrt. Die Ehe ist recht eigentlich die Idee aller starren Systeme, aber nun, wie es im Liede heißt: Media in vita — mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen. Mitten im Leben der Liebe vom Tode der Ehe umfangen und dennoch höchst lebendig, wohlwollend, verträglich, hülfreich und gut zueinander sein, — das wäre die Kunst der Ehe.“ Sprachs und glitt zufrieden wieder in seinen Sessel zurück. Irene sagte nichts.
Wie rauh und schwächlich, aber auch wie traurig hatte Irenes Stimme doch geklungen; Renate hörte es nun erst, wo sie erloschen war. Sie hätte gern etwas Tröstliches geäußert, aber alles, was sie hörte, brachte keine Begriffe in ihr hervor; es war wie das Plätschern eines Wassers, dem Wehmut und Abgeschiedenheit anzuhören ist, doch bleibt es die betrübte Stimme eines Bachs, eine fremde, nicht zu unterbrechen oder zu enden mit Zusprache oder Streicheln.
„Und nun hat er ja recht behalten“, kam ihre Stimme wieder zum Vorschein, erloschen und trostlos. „Otto ist mir fremd geworden. Vielleicht ist ers immer gewesen, ich weiß ja nun gar nichts mehr. Früher glaubt ich all seine Gedanken zu sehn, jetzt muß ich oft seine Stirn ansehn und denken: Was ist dahinter? habe ich etwas damit zu tun? — — Wie einfach, wie natürlich war nicht alles! Es war nicht groß, du lieber Gott, es war keine Kunst! aber es paßte doch zu uns, und ich wars zufrieden. Nun heißts: es ist keine Kunst, und ich muß über die schwierigsten Sachen nachgrübeln. Manchmal ist mirs schon gewesen, als sei es ganz gleichgültig, ob Otto und ich zusammenleben oder irgend zwei Andre.“
Jason lächelte hier still und friedlich vor sich hin. Renate mußte denken: Er scheint es ja recht leicht zu nehmen ... Irene stand auf, hielt den Kopf gesenkt und zerrte an ihrem Taschentuch.
„Ich weiß ja, ihr wollt mir nicht helfen“, sagte sie, Tränen dick in der Stimme.
Jason erhob sich. „Ich gewiß nicht, Irene,“ sagte er aufrichtig, „obgleich ich nicht weiß, was dir eigentlich fehlt. Nein, ich freue mich im Gegenteil, dich in einer derartigen Verwirrung zu sehn. Verwirrungen erhöhen die Lebhaftigkeit des Daseins und machen die Ruhe angenehm. Nichts ist süßer, als auf dem Sofa liegen nach einem schönen Schwindelanfall. Dir kann ich noch nicht helfen.“
Noch? was das heißen solle, noch?
„Oh nichts so Bestimmtes“, meinte Jason. „Ich wollte bloß zum Ausdruck bringen, daß ich nichts anzufangen weiß mit Leuten, die dastehn und schreien, sie fielen um. Wenn einer an der Erde liegt, so will ich ihn aufrichten; ja, dazu mache ich mich anheischig.“