„Himmlisch, Georg!“ sagte sie, „ganz himmlisch!“

Worauf er eifrig zu den Fenstern lief, ein neues Blendwerk versprach, den gewaltigen samtgrauen Vorhang niederrauschen ließ und zugleich eine Lichtkurbel drehte. Hoch oben im Raum, zwei Meter unter der Decke entfaltete sich und schwebte eine milchweiße Sphäre, wie ein großer Kürbis groß, die ein fremdes, fast beklemmendes Mondlicht durch den dämmerig bleibenden Raum ergoß.

„Nein, hier muß ich Renate herbringen!“ gestand Magda noch langer Atemlosigkeit. „Jason, was sagst du?“

Allein kein Jason war vorhanden. Nachsehend fand Georg ihn im Nebenzimmer, wo er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf im Genick, geduldig zu dem weißen Perserteppich aufstaunte, der das Wandstück neben der gläsernen Apsis bedeckte. Auch dies Zimmer mit seiner großen Helligkeit, den Vitrinen, schwarzem Stutzflügel und Peddigrohrsesseln in der musselinverhangenen Fensternische fand Magda himmlisch; aber sie war nun wieder stiller geworden und in sich zurückgekehrt.

Wenige Minuten später geleitete Georg die Beiden den langen Flur hinunter und durch den Saal vor Bennos Tür. Drinnen sahen sie ihn in der Mitte stehen, so lang er war und aussehend, als sei er stundenlang, glücksmatt und strahlend in seinen drei Zimmern vor seinen vielen Möbeln auf und nieder geschritten, die er nun selig zeigte: vom Messingbett (es mußte eines sein!) und dem fließenden Waschtisch, an den Bücherschränken und Schreibtisch von Palisander vorüber bis zum Bösendorfer im schön getäfelten Musiksaal, glücksmatt und strahlend, als ob er sie alle geboren hätte. Auf vieles Zureden Georgs wagte er endlich, eine Taste anzuschlagen, lauschte verzückt, saß augenblicks vor der Klaviatur und ließ eine Fuge darüber hinrollen, daß die Wände bebten. Und er fing an, Kunststücke zu machen, fegte den Des-Dur-Akkord über die ganze Klaviatur und lustfunkelte beim Staunen der Andern, da sie den Akkord drinnen nachbrausen hörten, als wärs eine Orgel. Und er sang einzelne, besondere Noten in das offene Instrument und freute sich innig mit Georg, wenn nach Augenblicken aus der Tiefe das Echo sang wie ein gehorsamer Gott. — Magda kannte diese Kunststücke schon. Und so verließen sie den Beglückten.

„Du bist auch ein guter Mensch“, sagte Magda, als sie den Korridor zurückgingen, verstummte aber bei Georgs heftigem Auffahren. — Und ich betrüge sie ja doch schon wieder! dachte er wild, Renate vor brennenden Augen.

Als sie dann unter der Haustür standen, nahm Magda seine Hand und sagte, indem sie Jason nicht mehr zu beachten schien als den lieben Gott im Himmel oder vielleicht das Sims über der Tür:

„Ich wußte wohl, Georg, daß ich dir heute begegnen würde.“ Sie lächelte kindlich: „Ja, was du da nun wieder mit dir angestellt hast, das mußt du wohl ausessen. Ich, weißt du, kann mich um so etwas nicht mehr viel kümmern.“ — Schon wieder ernst geworden bei den letzten Worten, fuhr sie fort: „Ich bin sehr bös krank gewesen, Georg, aber ich habs überstanden, alles, weißt du, und ich möchte dich nicht gerne ganz verlieren. In unser Haus kannst du nicht kommen, deshalb sprach ich mit Renate. Du mußt aber still sein wie ich, willst du?“

Ganz nahe, während sie dies sagte, hatte Georg ihre Züge unter den Augen, und während er diese fest in Magdas geheftet hatte, mußten seine Blicke doch gleichzeitig in ihrem Antlitz umherwandern, mit immer beklommenerem Staunen die, nur aus dieser Nähe erkennbare Veränderung der Züge begreifend; denn diese nun blasse Haut, unter der jetzt ein anderer Stoff als Fleisch zu sein schien, war einmal rosig gewesen, und es lebten damals lebendige Gefühle lieblicher Art um die verwischten Linien des farblosen Mundes, der freilich damals schon herabgezogen war an den Winkeln, aber doch nicht so! Unter dieser glatteren Stirn lebten jetzt andere Dinge, und es war eine ganz andere Stirn; Fältchen waren im Begriff, sich an den Außenwinkeln der Augen zu bilden, und noch — nein, noch war da nichts Welkes unter den Lidern, nur etwas sehr Durchsichtiges, und das Haar — — Indem glaubte er sich eines andern Gesichts zu erinnern, das er auch in einem irgendwie bedeutenden Augenblick so wie dieses gesehn hatte, allein nun hatte er ihr dankend in die Augen zu sehn, ihre Hand zu drücken, Jason ebenfalls, und zu gehn. Ohne es gewollt zu haben, wandte er bald den Kopf nach ihr um. Da gingen sie nebeneinander die weiße, chaussierte Straße hinab, vorüber an den kleinen Kugelakazien, aus denen die Sternwarte sich erhob, dunkelrot und schwarzgrün im Efeubehang, Georgs Blicke für Sekunden emporlenkend, daß er ihren Ernst, ihr Alter, ihre bedrohliche Würde empfand —: Jason, die leeren Hände auf dem Rücken, schwarz und etwas vorgebeugt, den Strohhut wieder im Genick. An Magda war nichts zu sehn; sie ging ihres Wegs.

Kein Reiz mehr hauchte aus ihr, das wars.