Hatte sie allen Glanz der Welt von sich getan? Hatte er selber sie gelöscht wie ein Licht? Aber ihre Augen glänzten anders innerlich, es gab vielleicht Nonnen, deren Augen wie die ihren in einer sehr gewissen Flamme brannten, in der sie alle äußeren Lichter reiner und edler hatten. Dieser Jason hatte ja Augen wie ein Märchenerzähler, man müßte — aber schon, indem Jason ihm erschien, mit einem riesigen schwarzroten Turban bekleidet, ein blaues, langärmeliges indisches Hemde am Leibe, mit untergekreuzten Beinen auf einem Teppich, schob sich das Gesicht seines Vaters in dieses Bild hinein, so als wäre es dicht über Georgs Augen. Wann war —? Ach, an seinem Geburtstage wars, nicht am Geburtstage, am Tage vorher, mittags, — und schon flogen von allen Seiten Bildstücke auf Georg zu, die hellen Fenster, und draußen die Wipfel im Regen, Visionen des Trassenbergischen Landes, und schon der Saal im kleinen Palais, Benno auf einem Stuhl an der Wand, der Achattisch, Napoleons Weste, Stirn und Haar, und jählings wieder Magda an der Erde, am Abend im dunklen Wiesengrün, ihr rötliches Kleid, ihr ohnmächtiges Gesicht mit geschlossenen Augen und — — Georg merkte, daß er vor seiner Haustür stand, die in ihr Schloß gefallen war, fing an, in der rechten Hosentasche die Schlüssel zu suchen, vergaß dabei, was er aus der Tasche holen wollte, wälzte Feuerzeug, Taschentuch, Schlüsselbund durcheinander, brachte dies endlich hervor und schloß auf. Sein Zimmer in geisterhafter Mondesdämmerung erschreckte ihn, er riß den Vorhang hoch, öffnete die Glastür. Sonnenlos war draußen der Garten, er lehnte sich gegen den Türrahmen, warf den Hut irgendwohin und hing nun ganz und gar tief über dem Erinnerungsfeld jenes Tages, wo Jasons schwarzer Körper aus dem Grün der Teichoberfläche erschien, an einem Arm emporgezogen, und er sah die klebenden grünen Blattlinsen auf dem bleichen Gesicht. Unkas stand da, verzerrt, der Maler ging neben ihm, der Maler saß im Zimmer in der Fensterbank, am Tisch, schob seinen Bleistift in der Blechhülse, und da war das weiße Zeug des Vorhangs an Magdas Fenster in der Nacht, die kleinen Kronen der Obstbäume in der Dämmerung, das Spalier an der Hauswand, und nun war er im Zimmer, legte die weiße, fremde Gestalt auf das offene Bett, — diese fremde Gestalt, fremde, fremde, fremde — wiederholte er immerfort, und die Kälte des Augenblicks fühlte er, und fragte sich, ob das immer so sei, wenn man eine Frau —, dies — Sichentkleiden, dieser schaurige Stillstand in den erst glühenden Empfindungen, und dies — Sichzurechtlegen und Rücken und — Gepeinigt von diesen Empfindungen mußte er sie um so hartnäckiger verfolgen, erinnerte sich des wilden kleinen Wesens in München, Fliddridd — ja, das war freilich ganz anders, viel natürlicher, denn die war selber äußerst bei der Sache gewesen — — aber wenn eine Frau selber nichts — — du mein Gott, ja — das Blut schoß ihm siedendheiß in den Kopf — was ging denn während dieser Zeit in ihr vor, die da vor ihm lag und still hielt, was dachte sie denn, was fühlte sie denn? und war sie nicht weiter von ihm weg als der Sirius von der Sonne? Und was war denn das, was er tat an ihr? Hatte er sie nicht einfach vergewaltigt?

Georg schüttelte aufgeregt diese Vorstellungen ab, seufzte, fühlte das Metall seiner Zigarettendose glühend heiß und feucht in der linken Hand in der Hosentasche, zog es hervor, zündete mit flackernden Händen eine Zigarette an und zog mit heftigem Genießen den Rauch in die schwellende Lunge hinunter. Das abgeglühte Streichholz in die Aschenschale auf dem Schreibtisch legend, dachte er: Ich wußte es ja, man liebt eine Frau niemals weniger als in dem Augenblick, wo man sie — liebt, denn im glühendsten Momente dann — ist sie ja auch nicht mehr vorhanden, sondern bloß — das Feuer, in dem man selber schon vergeht, und ein minuten-, ein sekundenlanger Blick Auge in Auge enthält ein tausendfaches Mehr an Glut und Unauslöschlichkeit. Liebend besitzen kann ich jede, liebend anschauen — wie wenige! Aber Magda? — Magda? —

Er merkte, daß er unbewußt nach seiner Brust getastet hatte, denn dort hatte sich wieder der Druck gezeigt, das Angstgefühl, das lange bekannte, das im Augenblick schon da war, wenn er allein war, und das ihn lähmte, das Morgen verschleierte, das Gestern verhüllte, das Heute entfärbte. Doch fand er, es sei leichter geworden, loser ...

Es zuckte in ihm, aufzuspringen und in das geheime Zimmer hinüberzulaufen, das Zimmer der Königin ... Allein in dem Sessel, in den er gesunken war, saß er unbeweglich fest, bald nichts mehr spürend als unerkennbare Gedanken und Vorstellungen, die an ihm zehrten.

Erasmus

Renate vernahm, als die Quartettgesellschaft — Irene, Ulrika, Benno Prager, Saint-Georges, Sigurd nebst Schwester und Magda — an einem Sonntagnachmittag auf dem Rasenplatz im Montfortschen Garten buntgestreifte Reifen warf, plötzlich aus dem Gang zur Straße neben dem Haus einen hitzig prasselnden und knatternden Lärm, und kaum daß sie hinsah, sauste mitten in die schreiend auseinander Stiebenden ein rädriges Ungetüm, schnaubend und zischend, mit einem ganz ledernen Kerl darauf. Da hielts stille, und da wars Bogner, von dessen Gesicht eine Brille fiel, und der lautlos lachte auf seine Art, während sie ringsherum wie angewachsene Daphnes, wenigstens was die Frauen anlangt, in mehr oder minder zierlichen Posen verharrten. Aber nun umdrängten sie ihn und beschimpften ihn wie die Sperlinge, wie die Krähen eine muntre Eule, und er berichtete, daß er schon wochenlang auf diese Weise unter die Dörfer über die Haide fliege, — „jedoch“, sagte er, „nicht jede vernichtete Gans wird ein Stilleben.“ Nun habe er allerlei Dinge gesammelt, wolle gleich anfangen, und zwar, mit Renates Erlaubnis, in der Kapelle, die er mit sechs schönen Engeln schmücken wolle.

„Was kostet ein Engel?“ fragte Irene, fragten sie Alle. Alle wollten möglichst einen Engel haben. Bogner sagte, er verkaufe nur an fremde Leute und an Herzöge, und da waren sie tief niedergeschlagen, denn keiner wollte ein fremder Mensch sein, und keiner war ein Herzog, und schenken lassen konnten sie sich doch auch nichts, woran der Maler ja nun auch keineswegs dachte. Sie sollten nicht böse sein, sagte er begütigend, er wollte später jeden von ihnen in schwarzem Papier ausschneiden, dann könnten sie sich gegenseitig mit ihren Konterfeis beschenken und dann hätten sie jeder einen Engel. — Dies, meinten sie, wäre nicht ganz das Richtige. —

Bogner, der sein Rad gegen das Postament der Sonnenuhr gelehnt hatte, fragte Renate, ob Erasmus im Hause sei, denn mit ihm müßte geredet werden. Er wäre ein Sonderling und möchte am Ende nicht zugeben, daß er, Bogner, Renate Bilder schenkte. —

Ja, ob er denn wirklich nichts dafür haben wollte? —

Nein, es wäre doch seine Angelegenheit und ein Geschenk für sie. —