„Bogner,“ sagte sie, „das kann ich nicht annehmen.“

„Schnickschnack,“ sagte er, „Renate Montfort kann alles annehmen. Der Bauer schenkt dem König Wurst, — sind Bognersche Engel nicht ebensoviel wert?“

Renate war überwunden, mußte aber nun fragen, warum Erasmus gefragt werden mußte.

„Es ist höflicher“, sagte Bogner.

„Bogner,“ sagte sie, „Sie haben einen schönen Charakter.“

Renate war plötzlich verstummt, während sie durch das Haus gingen. Warum sagte ich das? grübelte sie nach, einen schönen Charakter? Woher sind die Worte? Ein gutes Herz wollte ich sagen ... Da fiel ihr ein, daß es Worte Bogners waren, aus einem seiner Briefe; ihr Herz zog sich zusammen; als ob er alles wissen müßte, errötete sie langsam und fing eilig an, über Erasmus zu klagen. Sie bekomme ihn kaum noch zu Gesicht, er arbeite Tag und Nacht und komme nicht einmal zu den Mahlzeiten heraus, sondern esse in der Stadt. Der Onkel sei so still geworden und arbeite auch unaufhörlich, wenn nicht in der Fabrik, in seinem Zimmer. Die Aktiengesellschaft war ja längst vollkommen, und nun waren Onkel und Erasmus Angestellte im eigenen Betriebe, pekuniär war freilich alles fast wie früher. — Renate verstummte, da sie inzwischen im Obergeschoß und vor Erasmus’ Tür angelangt waren. Sie klopfte, hörte ihn laut Herein rufen und öffnete.

Sie hatte erwartet, daß er am Schreibtisch sitzen werde, aber er stand mitten im Zimmer, halb den Rücken zur Tür, das Gesicht über die Achsel hergewandt, die linke Hand auf dem Rücken. Süßlicher Qualm erfüllte den Raum, und als er sich zur Türe umdrehte, wurde in seiner linken Hand eine halblange Jägerpfeife mit Troddeln sichtbar. So schien er umhergewandert zu sein, und die Schreibunterlage auf dem Schreibtisch war leer. Dieweil er Bogner freundlich die Hand gab und mit seiner tiefen Stimme ein paar Bemerkungen über seine Belederung machte, sah Renate sich verstohlen um, da sie noch nie hier oben gewesen war.

Es sah wie in einer Studentenbude aus; ein schiefes Bücherregal hing an der Wand, Stapel und Stöße von wissenschaftlichen Zeitschriften lagen auf Stühlen und Teppich, ein Schrank stand halb offen, ein Mantel hing vom Sofa an den Boden, alle Bilder hingen schief. Unbewußt rieb sie die Knöchel der rechten Hand in der Linken, als ob sie fröre. Erasmus’ „Wollt ihr euch nicht setzen?“ klang steif genug zur übrigen Unwohnlichkeit. Bogner, in seiner Lederjoppe breiter aussehend als früher, lehnte sich gegen den Schreibtisch, sprach von seinen Malplänen; Erasmus nickte dazu und sagte am Ende nur, wenn es ihm, Bogner, gerade darauf ankäme, seine Engel in Renates Kapelle unterzubringen, so solle ers gewiß tun, bezahlt kriegte er ebenso gewiß nichts dafür, und Renate fragte sich mitleidig und unwillig, ob er Bogners Andeutung vom Schenken nicht verstanden habe oder absichtlich alles ins Geschäftliche zöge.

Sie hätten nichts übrig, sagte Erasmus, alles würde auf die hohe Kante gelegt, „aber“, sagte er, nach seiner Art plötzlich in Wut ausbrechend, „der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht alle Lust verliere, wenn ich dich jeden Tag in dieser weißen Fahne herumlaufen sehe! Meinst du, wir sind Bettelleute geworden? Etwas mehr Takt, das möchte ich denn doch bitten, meine Liebe!“

Renate fing unwillkürlich an zu zittern, fand aber einen Ausweg. „Wo hast du mich denn gehen sehn, Erasmus?“ fragte sie.