Irene, hochrot im Gesicht, flog herum, blitzte ihn an und entfloh über den Rasen nach der Kapelle hin.
„Damals“, sagte der Maler, „blieb jeder sich selbst überlassen; wer sich abgesondert hatte, mußte sich freiwillig wieder herzufinden. Oder es wurde geboxt; das geht nun nicht mehr. Erasmus war immer ein Topf ohne Henkel.“ Er hob die Achseln. „Das sind wir Alle im Grunde. Ihr Frauen solltet wohl eigentlich diejenigen sein, die immer noch eine Handhabe entdecken. Leiden machen unbeweglich, ich weiß das. Wenn dann kein Gott zugreift, steht solch einer ewig am Feuer und brennt.“
„Und da soll man warten, bis sie ausgekocht haben?“ fragte Renate, „o Bogner!“
„Wir reden in Gleichnissen“, sagte er beinah ungeduldig „Steht der Topf denn an Ihrem Feuer?“
Sie stand, ihre lange Kette von rosenroten Korallen in den Händen, und zog die straffgespannte langsam an den Lippen hin und her. „Ja, in meinem Hause jedenfalls,“ sagte sie endlich leise, „und doch scheint mir: es ist alles verzaubert, und ich kann den Spruch nicht finden. Glauben Sie, Bogner,“ fragte sie ratlos, „daß ich Josef schreiben soll, daß er wiederkommt? Ach Gott, ich habe ja keine Ahnung, wo er ist!“ klagte sie mutlos und ließ den Kopf hängen.
Sie sah Bogners Rechte, die er ihr reichte, legte die ihre hinein, sah ihn gehn und blieb, wo sie stand, ohne zu denken, ohne sich zu bewegen, bis wieder Schritte laut wurden und Herzbruchs breite Kaufmannsgestalt und sein gelehrtes Gesicht hinter der runden Hornbrille in der Tür erschienen.
Mensur
Georg, am Leibe weiter nichts als das einärmelige Mensurhemd und die oftgewaschene alte Leinenhose, setzte sich rittlings auf den alten Bandagierstuhl, kreuzte die Arme auf der Lehne und ließ sich von Tastozzi eine nach der andern die viele Meter langen, fast handbreiten schwarzen Halsbinden umwickeln, die, glitschig vom Blut und Schweiß vieler Wunden des Mensurtages, stanken wie der Teufel. Aber wundervoll war wieder die unendliche Sorgsamkeit, mit der Tastozzi wickelte, sanft legend die klebrigen Riemen wie Wundbinden von weicher Gaze, nachtastend mit der Linken und immer wieder fragend: „Ists so recht, Georg? Drückts auch nicht?“ Nichts drückte, im Handumdrehn steckte der Hals in einer weichumschließenden Wand, um die noch die handhohe wattierte Manchette leicht umgeschnallt wurde. „Sitzts?“ „Danke, glänzend!“ O Tastozzi war dunkel, aber eine Seele! Das wußte, wenn kein Andrer, Georg. Er sah dankbar auf, allein Tastozzi hatte sich schon zur Fensterbank hinter ihm abgewandt, wo die Armbinden aufgehäuft lagen.
Von diesen sanfteren Empfindungen abgesehn, befand Georg sich nicht in der bänglich freudigen Laune seiner früheren Waffengänge. Früh erwacht, nach wenig Schlaf, endlos wachen Stunden übler Peinigungen des Geschlechts, Halbtraumvisionen in endlos hartnäckiger Jagd, hatte gleich der Gedanke an seine noch immer nicht restlos vernarbten Kopfwunden sich festgesetzt: beim Betrachten der kaum behaarten Stelle im Spiegel zeigte sichs, daß sie wieder geschwitzt hatten. — Ekelhaft, so mit offenem Kopf zu fechten!
Georg blickte finster gegen die blaugetünchte Wand des kahlen kleinen Raums, der leer war — Tastozzi setzte seine Eigenart durch, beim Anbandagieren keinen Zuschauer zu dulden — leer, bis auf die Tische, die drüben gehäuft voller Bandagen, Schurze, Drahtmasken und Sekundantenspeere mit farbigen Körben, an den Wänden links und rechts dagegen bedeckt waren mit dem ganzen Rüstzeug der Ärzte, auf Wattelagern ausgebreiteten Scheren, Zangen und Nadeln, flachen Schalen voll rosiger Sublimatlösung und Bergen von Watte. Georgs Blick schweifte abweisend drüber hin und heftete sich auf den eigenen nackten Unterarm, den er hochhielt, die Faust schon im gepolsterten Handschuh, während Tastozzi die Handgelenkbinde von dünnem gelbgrünem Flanell zart und fest umlegte: der Arm gefiel ihm, wie er war: glänzend weiß, kräftig und harmonisch gebaut, und „Schöner Arm, nicht?“ brummte er halbfragend. Der Andere schwieg, die grauen Augen im gelblichen, dunklen und eckigen Gesicht mit voller Aufmerksamkeit auf die Schleife gerichtet, die seine Finger knüpften, worauf er, ohne hinzusehn, die erste Armbinde von der Fensterbank griff und die zu Boden hängende geschickt aufrollte, dann den Ballen um Georgs Arm abzuwickeln begann. Georg folgte gedankenlos mit den Augen, immer wieder das leise: „Sitzts, Georg? Drückts auch nicht?“ hörend und die linke Hand Tastozzis sehend, deren Finger er auf jede neue Lage prüfend aufsetzte; und er wickelte bereitwillig wieder und wieder zurück, schon auf Georgs leisestes Antwortzaudern hin. Es war eine Lust, von Tozzi bandagiert zu werden!