„Gehn wir schlafen“, sagte er, als er sie gestopft und angezündet hatte. So verließen sie die Kapelle, der Maler schloß sorglich zu, und sie gelangten durch den Garten, am dunklen, schlafenden Haus vorüber auf die Straße.
Viele und seltsame Pferde liefen durch Georgs Träume in dieser Nacht, gelenkt und vorgeführt von Bogner mit langem Pinsel wie von einem Zirkusdirektor, aber Renate erschien nicht darunter. Gesang schlug an, engelstimmig und süß, Georg erwachte, und es war Morgengrauen. In abgeklärten Pausen sang draußen die schwarze Amsel, laut und friedevoll in der Morgenstille.
Drei Gespräche: Das erste
Esther und Georg saßen am Wassergraben im Park auf der Bank, und sie hatte den ganzen Schoß voll großer Zentifolien in allen schönen Farben. Da kam Jason al Manach, setzte sich, ließ sich fragen, woher er komme, und erzählte:
„Gestern abend, als es schon dunkelte, trat ich irgendwo aus dem Walde. Wiesen und Äcker waren voll Nebel, darin stand ein einsames, schlechtes Haus mit einem Stockwerk, ich strich an einer fensterlosen Mauer hinunter, und wie ich in eins der Fenster nahe über dem Erdboden an der, auf die Felder hinaus gewandten Seite des Hauses hineinsehe, sitzt da Maler Bogner in einem Liegestuhl und raucht eine Pfeife in Hemdärmeln, denn der Abend war milde. Ich grüßte: Guten Abend! Ich störe gewiß. — Ja, sagte er, wenn Sie stehen bleiben und mir die Aussicht zudecken. Kommen Sie herein.
Ich wandte mich wieder, und sieh, da wars eine jener Stunden, wo einem die Augen für das Wunderbare der Erde aufgehn. Als hätte der Maler gewinkt, so sah ich nun in eine Landschaft von seltsam wilder Feierlichkeit. Jenseits der braunen Äcker voll stehender weißer Nebel blinkte ein Stück des abendklaren Flusses aus der unteren Dämmerung, voll von gespiegeltem Licht und Baumsilhouetten; die wirklichen Wipfel darüber hoben eine mächtige schwarze, von einigen scharfen Fabrikessen überstiegene Mauer in das lohende Gelb und Rosa des Himmels. Darüber flossen zerblasene, graue, schwärzliche und violette Wolken in trübes Rot; zur Linken aber, hoch über dem graugrünen Dunkel der Wiesen jenseits des Stromes stand im blaßblauen, leeren Äther ein einzelner blitzender Stern; der war gleich einem silbergestählten Sankt Georg und die schweigsame, blutende Landschaft wie ein verendendes wildes Untier zu seinen Füßen.
O, aber als ich mich zur Rechten wandte, drohte da die Stadt, schwarz, eine ungefüge Masse von Dächern, Kuppeln, Türmen; ein stummes Meer, brandete hinter ihr der Himmel, überwölbte sie mit durchsichtiger Woge von offener Scharlachglut, in der sich ein Getümmel von zerrissenen Wolken umhertrieb und verzehrte, glorreich und ungestüm, in einem Wirbel triumphierender Farben, blutig, traurig, drohend und lechzend von Gelb und ungesättigtem Purpur. Von allen Richtungen liefen Schnüre und Reihen von Lichtern, opalenen, grünlichen und goldenen, in den schwarzen Berg der Stadt hinein.
Solche Dinge hatte dieser einfache Maler vor sich, wenn er abends in Hemdärmeln seine Pfeife rauchte. Es war so viel, daß er manche gar nicht beachten konnte, denn als ich nun um das Haus herumging, sah ich über ein verdunkeltes, undeutliches Gelände von Feldern und Lichtern hinweg den Mond, eine Scheibe von goldenem Kupfer, der sich mitten aus einer stumpfen bleifarbenen Wand heraushob.
Das Zimmer, in das mich der Maler führte, war folgendermaßen: Es hatte tapezierte, zerfetzte Wände, einen von herausquellendem Pferdehaar wie von Geschwüren strotzenden Diwan und zwei hölzerne Stühle, außerdem den Liegestuhl und am Boden eine trübe Pfütze von einem alten Gebetsteppich. In einer Ecke aber stand ein Bananenast, rundum mit gelben und schwärzlichen Früchten besetzt, einem Bienenkorb ähnlich. Ja, und in einer andern Ecke stand ein Spucknapf, der war mittendurch gesprungen. Eigentlich war es kein Zimmer, es war ein Durchgang von Abend zu Morgen, weil es nachts regnen könnte.
Als aber nun der Maler aus einem Nebenzimmer zwei in Porzellanfüßen stehende Paraffinkerzen holte, anzündete und auf den Gebetsteppich stellte, so offenbarten sie dessen ganzes Elend. Mich ergriff wohl Sympathie mit dem Spucknapf, denn in seine Nähe zog ich mir den Liegestuhl. Mich rühren so die zersprungenen Dinge, die sich gar nicht zu helfen wissen. Der Maler legte sich auf den Diwan und lag so still, als ob er schlafe. Die Kerzen zuckten zuweilen und störten mich in der Betrachtung meines Schattens ein wenig, der neben mir an der zerlöcherten Mauer saß. Drüben, vom fast unsichtbaren Maler her, glimmte zuweilen ein Manschettenknopf rot und golden.“