„Ach,“ sagte Georg, während Esther rot wurde und lachte, „Sie können mir gewiß einen Unterschied formulieren, über den ich neulich nachdenken mußte, nämlich den eigentlichen zwischen einem Dichter und einem Schriftsteller.“
Nein, Jason bedauerte. „Das würde auf etwas Moralisches hinauslaufen, und moralisch kann ich nun einmal nicht sein.“
„Ja,“ sagte Esther, „das ist auch langweilig, erzähle mir lieber, worüber du dich mit dem Maler unterhalten hast.“
„Richtig,“ sagte Jason, „du erinnerst mich an einige sehr gute Dinge, über die der Maler mich belehrt hat. Ich sagte ihm nämlich, ich hätte verschiedentlich von Menschen sagen hören, daß der Künstler oder Dichter, um einer von Bedeutung zu werden, ganz außerordentlich viel leiden müßte. Andre dagegen hätte ich wiederum sagen hören, daß es auf der ganzen Welt nichts Grausameres gäbe als Künstler, und dies beides schiene mir doch zu widersprechen. Da sagte der Maler, was die Menschen anginge, so würden sie sich über derlei Dinge kaum aufklären lassen, weil, so sagte er, sie diese Dinge nicht aus der richtigen Sehrichtung betrachten könnten, nämlich aus der des Genius. Und das ist richtig, denn mit dem Genius verhält es sich so wie mit dem, was der reiche Mann zum armen Lazarus sagte, als der in Abrahams Schoße saß. Wenn Moses oder einer der Propheten zu ihnen käme, so würden sie nicht hören, aber wenn Lazarus von den Toten auferstünde, so würden sie. Denn immer unsichtbar bleibt den Menschen der Genius, wahrnehmen können sie nur seine Kraft, nämlich im Werk, — und nun sagte der Maler, grausam sei allerdings der Genius, mitleidlos, weil er vollkommen sachlich sei und alles Menschliche und Natürliche einfach als Stoff ansehe. Hier mußte ich auch wieder eine Wahrheit finden,“ sagte Jason, „nämlich die, daß die Menschen wohl imstande sind, einen Dichter grausam zu finden, der sich einen Menschen mit all dessen Eigentum an Leiden und Lüsten zur Darstellung nimmt, nicht aber, wenn er so mit einer Landschaft verfährt oder einem Baum oder sonst einem Gegenstand, und dies bedenken sie nicht, nur weil sie von solchen Dingen weniger wissen oder gar nichts, wovon der Dichter vielleicht sehr viel weiß. — Wenn der Genius nun“, sagte der Maler weiter, „sich vollkommen sachlich verhält, so tut er das doch auch gegen das Leiden des Menschen, in dem er wohnt, das heißt also, daß ihn des Menschen Gefühl und Meinung von diesem Leiden gar nichts angeht, sondern er würde lachen, wenn der Mensch sie ihm vorhielte, und sagen: Da sorge du! Mach das mit dir allein ab! — Gefällt es ihm aber wiederum, so sagt er vielleicht: Zeig her! das da scheint mir brauchbar, ein Funken, nicht viel wert, aber ich wills versuchen und ihn anblasen. — Ja, da bläst nun dieser Gott,“ sagte Jason, auf seine Knie herunterblickend, „und was ist nun wohl der Mensch, dieser Wurm, in einer solchen Lohe, die ihm Knochen und Mark verzehrt, freilich, Lohe einfach, schmerzlos wie lustlos, nur bloß verzehrend, was dann andern Augen gemeinhin erst an der Asche sichtbar wird, und dann staunen sie nun über Beethovens Totenmaske. Er aber, am ganzen Leibe brennend, schaffte in der Himmelsglut das Werk, blinden Auges, tauben Ohrs, denn der Genius sieht, der Genius hört; mit flatternden Händen, denn der Genius lenkt, und dieses, dies ist das Leiden und dies die Grausamkeit, dies darf Leiden und Grausamkeit genannt werden, weil aus ihnen Leben entsteht, ewiges, so Gott will, dieweil das andre nur zum Sterben gut ist; doch reinigt der Tod.“
„Hat das der Maler gesagt?“ fragte Esther nach einem Schweigen leichthin.
Georg sah, daß Jason, wenn das bei ihm möglich war, verlegen schien.
„Es kommt ja nicht darauf an,“ sagte er, „die Menschen sagen so vieles nicht, das meiste sagen sie nicht, und du kennst ja mein Gedächtnis, es muß sich an so vieles erinnern, und gedacht hat er es jedenfalls, davon seid ihr doch wohl überzeugt. Übrigens“, fuhr er fort, „sind wir bald auf das Meer und die Berge zu sprechen gekommen, und nachdem wir uns darüber geeinigt hatten, daß das Meer groß sei, groß, sonst nichts, indem nichts von seiner Größe sei, so fragte ich ihn, wie das wohl zugehe, daß manche Menschen sagten, das Meer drücke sie nieder; es mache sie melancholisch, sagen sie. Er vermutete, eben deshalb, weil es ihnen zu groß erscheine, sie selber daher zu klein. Berge dagegen, ich erinnere mich genau, daß er dieses sagte, weil darauf ich an zu sprechen fing, Berge verhielten sich menschlich, und gewiß ist das so, was ihr beurteilen könnt, wenn ihr euch solch ein einzelnes, weißes Schneehaupt vorstellt. Denkt ihr euch nun daneben die Erhabenheit eines wunderbaren Menschen, Dantes oder Bachs, Rembrandts oder Michelangelos oder Homers, so habt ihr gleich eine Kette einsamer, strahlender Bergeshäupter. Halbgötter sind die Berge, dem Himmel nah und doch furchtbar irdisch verankert, und sie stimmen den Beschauer zur Andacht, unvermindert seine eigene Person, eben wegen des göttlichen Eindrucks, der aus Kleinheit hinaufziehend, nicht aber niederdrückend ist: Gott läßt immer viele Möglichkeiten offen, um so strahlender, wenn er sich menschenhaft offenbart. Blickt ihr aber von der Höhe über ganze Ketten und Felder andrer Gipfel und Gebirgszüge hin, so habt ihr auch hier ein Meer von Wellen, von erstarrten jedoch, von gebändigten, innerlich unfreien, ihre Verdammung zur Schweigsamkeit mit Größe und Heldensinn ertragenden, gleich einem Volk gefesselter Könige; ihr aber, ihnen gegenüber, von Beweglichkeit, von eurer ganzen rühmlichen Freiheit ringsum strotzend, ihr fühlt die Majestät solcher Versammlung mit Andacht und angenehmer Demut. Dies alles“, sagte Jason lächelnd, „erklärte der Maler nicht wie ich, sondern mit einem einzigen Worte, und danach fingen wir an, von den Wolken zu reden. Von ihnen sagte Bogner gleich, daß er sie liebe, nämlich die vereinzelten, geballten, weißen, mittäglichen, und er sagte, daß sie wie Götter seien, schweigend und leuchtend, nur ihr Wesen ausstrahlend unbeeinflußbar, — und ich dachte wieder, wie richtig das sei, da eben solche Wolken diejenigen Eigenschaften haben, die wir uns wünschen, die uns fehlen: die Ruhe, die Unberührbarkeit, dies leuchtende Dulden der Vereinsamung, das Schweigen, und so sind sie, wie alle Gottheiten, vergottete Menschen, uns ähnlich, daher noch zu erfassen, noch in uns, wie die übrige Natur, und indem ich dies bedachte, fiel mir ein, ob der immer sonderbare und rätselhafte Eindruck des Ozeans wohl darauf beruhe, daß er nicht in uns sei wie die übrige Natur, und dies sagte ich dem Maler. Da erzählte er mir ein Erlebnis aus seiner Kindheit.
Er beschrieb mir, wie er an einem Sommerabend als Knabe in einem Kahn gelegen habe. Wie er da mit sich allein war in der unsichtbaren Dämmerung und eine Hand ins Wasser hängen ließ, da sei nun aus dem Abgrund des Meeres der Mond heraufgestiegen, ganz wie ein schweigender Gott. Das Herz habe ihm da zum Zerspringen geklopft; er habe gemeint, der Mond komme aus seiner Brust. —
Dies ist nun freilich ein schöner Irrtum gewesen, denn das Unsichtbare war es, das seine Brust so weit zu machen wußte, daß sie auch die Nacht, das Dunkel, alles in sich aufnahm, das Meer spielte eigentlich keine Rolle in seinem Erlebnis, und ich sagte ihm dies, indem ich ihm nachwies, daß damals, als das einfachste Tier, unser Vorfahr, die Noctiluca, aus dem Meere das Land erstieg, das Meer von uns abzufallen begann, durch die Jahrmillionen, durch unzählbare Geschlechter von Verwandlungen, und das Leben auf dem Trocknen ward anders als im Gewässer, fremd ward uns das Meer, aber es war unsre älteste Heimat, und darum, wenn wir darüber hinsehn, so meinen wir, daß dort drüben, an einem andern Ufer, unsere Heimat liegen müsse; wie Odysseus sich vorstellte, daß gleich drüben der Rauch aus seinem Dache steigen müßte; aber die Heimat eigentlich ist in dem Meer, ist es selbst, und deshalb macht es uns wehmütig, heimschmerzlich, und das drückt uns wohl nieder, um so geringer unser Glaube, um so tiefer unser Verlangen nach Heimat ist. Da kamen wir nun auf die Sterne zu reden, und ich glaubte schon, davon würden wir die ganze Nacht nicht wegkommen. Aber die größten Dinge sind auch wieder die einfachsten, und so verhält es sich auch mit den Sternen, daß von ihnen schon alles gesagt ist, wenn man nur an sie denkt. Dann genügt ein zufälliges Wort, und so fiel es dem Maler ein, zu sagen, daß die Sterne jenseits wären. Wie wahr ist das, denn sind sie nicht außerhalb unsrer Erde? Was aber reicht über unsre Erde hinaus? Wir? Unser Gefühl? Gegen das unzerreißliche, metallene Gewebe des Firmaments prallt unsre Seele an wie ein Federball; nichts dringt dort ein, es sei denn — das Gefühl, nicht eindringen zu können, das uns so wunderbar anmutet. — Übermenschlich, seht ihr, das sind Wolken und Berge; überirdisch, das sind die Sterne. Mit ihnen ist uns nichts gemeinsam, nicht einmal das Gefühl der Fremde. Das Meer jedoch, es ist unmenschlich, eine Natur außer uns, eine Leidenschaft außer uns, eine donnernde Unbegreiflichkeit.
Ja, so sprachen wir miteinander,“ sagte Jason nachdenklich, „und inzwischen hatte der Maler seinen Bananenast aus der Ecke geholt, stellte ihn auf den Teppich, setzte sich auf die Erde davor mit dem Rücken gegen die Fenster und ermunterte mich zu essen, indem er eine Frucht abriß, hurtig schälte und die Schale über seine rechte Achsel zum Fenster hinauswarf. Wie das aber so geht mit mir, — ich stand auf einmal in der Tür, und da sehe ich ihn noch so sitzen in dem leeren Raum bei seinen rötlichen Kerzen und seinem schattenwerfenden Bananenast, und die Schalen zum Fenster hinauswerfen. Auf einmal stand ich dann und blickte gegen den wunderbarsten Nachthimmel, und es war kühl und vieler Atem im Finstern um mich her. Der Himmel aber, der vor mir niederhing, war ein wundersamer Gobelin mit einem silbernen Wolkenmeer, in dem, dicht aneinandergedrängt, andre, schwärzliche Wolken gleich riesenhaften Delfinen und Seeungetümen sich bewegten, und dies alles durchglitt der Mond, klar und sanft und sich schaukelnd, eine silberne Schale von einem Götterboot.“