Plötzlich — als sei es genug — sah er undeutlich Sigurds Haltung sich lösen; er setzte den Fuß an die Erde neben den andern, beugte sich vor, legte die Hände um eines der Bücher auf dem Tisch und sagte in seiner kurzen Weise:
„Wissen Sie, Georg, — ich wollte Ihnen immer schon etwas sagen. Wegen Esther. Sie wissen ja: meine Schwester gehört mir, mir ganz allein. Ich habe sie erzogen von Kind auf; sie ist — mein Werk. Es gab eine Zeit, wo sie den Leuten langweilig war, so sehr war sie ein Abguß von mir und sprach mit meinen Worten. Und was wissen wir schließlich von solch einem Wesen?“
Er brach ab. Ja, was wissen wir, dachte Georg. Sie geht umher und sieht süß aus. Alles, was wir wissen, sind Dinge, die sich auf uns beziehn. Obendrein antwortet sie nur, schweigt, spricht selten von selber, oder ganz Belangloses, Tatsächliches. Und dabei diese Wandelbarkeit, als hätte sie gar keinen Kern! Mit jedem Kleid, in jedem Hut, ohne Hut, im Mantel, in der Jacke ist sie ein andres Wesen; heut ein Kind, morgen abwesend, eine kühle fremde, Verirrte, jetzt sanft und hülflos, morgen sicher und verständig, ja scharfsinnig, heut altklug und morgen unbewußt —, als ob sie immer und nur auf geheime Unterweisung sei und handle, — aber immer ist sie verführerisch und gefällig mit Miene und Lächeln. Ja, wenn ich das Sexuelle auch so überschätzte, wie Alle es tun, so würde ich denken, ich sei in sie verliebt, bloß weil ich ab und an den zärtlichen Wunsch habe, sie auf den Arm zu nehmen und irgendwohin zu tragen. — Während er sich dies sagte, betrachtete er Sigurd, der, die Zunge im Munde wälzend, das Buch hin und her drehte, und dachte, falls er, wie es schien, ihm etwas mitteilen wollte, sei es das beste, zu schweigen. Richtig fing Sigurd auch wieder an:
„Was wissen wir von ihnen? Ihre Gedanken laufen doch immer wo anders hin. Nun sind sie in Amerika. Sie giebt bekanntlich vor, einen jungen Mann zu lieben, da drüben ...“
„Warum: giebt vor?“ fragte Georg.
Sigurd blickte wegwerfend auf: „Ich sagte ja, daß sie mir gehört, also liebt sie in Wirklichkeit mich, nur ist sie eben meine Schwester und merkt es nicht. Und überhaupt nun diese sogenannte Liebe. Esther ist immer von irgendwem geliebt worden und hat immer irgendwen geliebt. Endlich kommt einer und sagt, er muß sie heiraten, und da muß sie nun auch. So ists immer, Alle heiraten aus Zufall, und nachher ist das Unglück da.“
Georg glaubte sich zu erinnern, daß er das selbe schon einmal von einem andern Menschen gehört hatte, — war es nicht Ulrika? ... Aber Sigurd war aufgestanden, lehnte sich mit der rechten Schulter gegen das Bücherregal, den Kopf gesenkt, hier und da einzelne Bände tiefer ins Fach klopfend, während er sprach:
„Ich will sie nicht hergeben, ich brauche sie, wofür lebe ich denn?“ Er wandte sich zu Georg. „So etwas kennen Sie natürlich nicht,“ sagte er mit verächtlicher Traurigkeit in den schweren Augen, „Geschwisterliebe. Nicht Frau, nicht Geliebte, nicht Freundin, aber von jeder ein Hauch, — und andrerseits, wenn ich denke, ich könnte eine andre Frau lieben, so würde mir das Verwandtschaftliche bitter fehlen.“
„Irgend etwas“, sagte Georg weise, „fehlt immer.“
„Esther,“ fuhr Sigurd fort, ohne hinzuhören, „Esther hat diese Macht über die Menschen, dies Verlockende, das ihr eigentliches Wesen ist. Sie kann nicht anders, sagen Sie selber: wenn sie mit Ihnen allein ist, ist sie da nicht ganz eine andre, als wenn Andre dabei sind? Unter Vielen ist sie überhaupt nichts, da steht sie wie ein kleiner Hund im Regen ...“ Er lachte verlegen, Georg lachte gefällig mit.