„Nun also der in Amerika“, fing Sigurd wieder an. „Ein außerordentlich tüchtiger Mensch, müssen Sie wissen. Unglücklicherweise nahm er an einem Monatsletzten — als er noch hier war — dreißig Mark aus der Kasse, um sie am Ersten wieder hineinzulegen, da kam die Revision. Es gelang mir natürlich,“ sagte er mit innerlichem Stolz, „den Chef zu überzeugen, daß er keine Anzeige machen durfte und ihm ein Zeugnis ausstellte auf Tüchtigkeit und Fleiß mit dem Vermerk: verläßt seine Stelle nach Übereinkunft. Ja, und trotzdem verfiel der arme Junge so in Verzweiflung, daß er in die Staaten hinüberging. Oh auf ihn kann man sich verlassen, aber auf Esther? Warum soll sie nun grade den immer und ewig lieben, nachdem sie sich so oft geirrt hat? Aber ihr Gefühl für mich, das ist immer das gleiche geblieben. Sie fängt nach einem halben Jahr an, sich zu langweilen, immer mit dem selben Mann, wohin soll sie sich noch entfalten?“

„Ja, ja,“ lachte Georg, „Sie haben recht: unter mehreren Männern ist sie die bescheidene und kluge Lauscherin — Leonore im Tasso —; mit einem allein entfaltet sie sich zart — Leonore mit Tasso.“

„Achtzehn Jahre ist sie alt,“ sagte Sigurd kopfschüttelnd, „und bildet sich wahrhaftig ein, dieser Kaufmann drüben sei in Europa und Amerika der einzige Mensch, mit dem sie das Leben zu Ende führen kann.“

„Sie sind närrisch,“ meinte Georg, „Liebe und Überlegung ...?“

„Ja, soll sie ihn lieben!“ brauste er auf, „aber warum denn um Himmels willen heiraten? Wie schön ist die Liebe, wie ideal ist die Liebe! Sie erregt alle heftigen Gefühle, Sehnsucht, alle Empfindungen nach — hinaus, nach oben, ins Offne, ins Unbegrenzte, — und dann wird geheiratet.“ Er lief an Georg vorüber und hinter seinem Rücken im Zimmer hin und her.

Georg fiel Cora ein, die er seit Monaten einfach vergessen hatte, und sagte: „Ideale, das wissen Sie doch, Sigurd, sind dazu da, daß man sie hat, nicht daß man danach lebt. Zum Leben brauchen die Menschen Ziele.“

„Na, und was machen Sie da wieder für einen psycho-philosophischen Unterschied?“

„Ein Ideal“, sagte Georg ernsthaft, „ist keines — nicht wahr — innerhalb erreichbarer Grenzen; ein Ideal ist doch nichts Persönliches, nichts, was man für sich allein hat, oder käme es nicht mehr von Idee her? Ideal ist Religion. Wie ich schon sagte, nicht wahr: auch Religion müssen die Menschen haben, aber wer lebt danach? Für ihr Leben haben sie ihre Gesetze und sonst praktische Wegweiser, was ich Ziele nannte. Wegmarken braucht der einfache Mensch, um zu sehn, woher er kommt und worauf er zugeht, und daß er sich bewegt.“

„Ach, Sie denken immer so artistisch! Dem Künstler freilich sind seine Werke solche —“

„Dem Künstler“, griff Georg mit Festigkeit ein, „sind seine Werke niemals Ziele, sondern stets Ideal. Was er erreicht — im Werk —, das mag Andern, ja mag ihm selber ein Ziel scheinen, eine Wegmarke, eine Stufe, um höher zu steigen: im Grunde bleibts ideal, weil unvollkommen gegenüber seiner Idee. Ein vollendetes Kunstwerk, nicht wahr — das kann niemals mehr heißen als: ein fertiges. Selbst Gott hat nur gesagt, es wäre sehr gut, und ich bin überzeugt, daß sein Ideal von Welt hoch, aber höchst anders ausgesehn hat!“ Georg, nachdem er seine Sätze auf das eifrigste hervorgesprudelt hatte, stand auf, ging hin und lehnte sich gegen die Bücherwand. In der Tiefe des dunklen Raumes sah er Sigurd neben dem Pensieroso stehn, der vor ihm saß, unbekümmert wie je, den Handrücken unterm Kinn, sinnend.