„Es giebt so viele Worte“, sagte Sigurd. „Wie alt sind wir eigentlich? Unsereins sieht immer über die rationalen Dinge hinweg, als ob Gott und Welt und Ewigkeit das einzige wäre, was uns anginge, als ob wir sie im Sack hätten, als ob sie nur so um uns herumstünden wie Schränke. Übrigens haben Sie davon angefangen.“

„Ja, Sie merken doch alles, Sigurd“, sagte Georg sardonisch. „Glauben Sie wirklich nicht, daß das Alltägliche genügt, um es zu tun? Soll man auch davon reden?“

„Nicht vom Alltäglichen,“ versetzte Sigurd kurz, „das ist eine Unterschiebung. Ich sprach vom Realen oder Tatsächlichen und bin nicht der Meinung, daß es so einfach ist, daß Tun genügt.“

„Ich kenne eine Frau,“ erwiderte Georg nachlässig, „deren Ideal wäre es, die Geliebte eines Prinzen zu sein. Jawohl, Sie bemerken ganz recht: der Prinz bin ich selber.“ Sitzt mir die Maske? fuhr es durch ihn hin. Er sammelte sich und fuhr fort. „Ich sage Ideal, Sie würden sagen Ziel.“

„Weil Sie,“ Sigurd lachte spöttisch, „weil Sie ihr dies Ziel nicht erfüllen wollen? Also ein idealisches Ziel, wie Ihr Kunstwerk, wie der Himmel für den primitiven Frommen, den Moslem oder so: solange man danach strebt, Ideal, wenn mans hat, Ziel.“

„Ach, Unsinn!“ murrte Georg. „Der Himmel (und die Hölle genau so gut) sind keine Ideale für den Frommen, sondern einfach Ziele, weil sie mit zum Irdischen gehören, weil sie in seinem Dasein inbegriffen sind.“

„Also leugnen Sie überhaupt Religion?“

Es klopfte. Die Tür zum Flur wurde geöffnet, und Esther stand über der Treppe in einem dicken bräunlichen Regenmantel, den Kragen hochgeschlagen, kaum sichtbar das kleine Gesicht mit den funkelnden Augen unter tiefen Scheiteln und der Kappe aus schwarzem Haar, die sie heute trug. Sie hatte einen Brief in der Hand.

„Ein realer Brief,“ sagte Sigurd, indem er näher trat, „siehst du, Esther, der Prinz leugnet alle Religion außer Buddhismus.“

Ich dachte an Märtyrer, sagte Georg sich schweigend, indem er Esther die Hand gab und fand, daß sie wie ein gutes, schwärzliches Tierchen aussah, süß zum Wegtragen und Füttern. — „Als wir anfingen, Esther,“ sagte er, „sprachen wir von Ihnen; nun sind wir glücklich beim Nirwana.“