Keiner von den Dreien erwiderte etwas. Der Name löste wohl zwiespältige Empfindungen aus, die nicht zu Worte gelangten.
„Natürlich,“ sagte Georg, „wenn man Jean Paul sagt, sind Alle wie auf den Mund geschlagen. Habt ihr Jean Paul gelesen? Haben Sie Jean Paul gelesen, Esther?“ — Esther murmelte etwas vom Katzenberger.
„Dieser ewige Katzenberger! Als ob das nun Jean Paul wäre, nicht wahr! Katzenberger! Das ist wie — wie so eine hornhäutige Ferse am Absatz eines Engels; als solche ja ganz merkwürdig. Aber den Engel solltet ihr reden hören! Wartet —“ Sich im Stuhl drehend griff er den kleinen schwarzen Band vom Schreibtisch hinter sich. „Flegeljahre,“ sagte er, „ich will euch nur eine Stelle vorlesen, nur eine, und ihr sollt —“ Er blätterte erregt. „Nein, wartet mal, wo war doch das! Richtig, ich hatte doch ein Zeichen ... An der Stelle ging mir zum ersten Mal mit blendender Klarheit der Unterschied zwischen Dichtersprache auf und — wie soll ich sagen? — da ist die Stelle!“
Georg hatte sein Zeichen gefunden, nahm es heraus, bog das Buch auf und las:
No. 16. Berguhr
Sonntag eines Dichters
Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und der Thürme dunkelroth vor der frühen Juli-Sonne standen, und verrichtete sein Morgengebet, worin er Gott für seine Zukunft dankte. Die Welt war noch leise, an den Gebirgen verlief das Nachtmeer still, ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu ...
„Das ist es!“ rief Georg, „das ist es: ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu. Ja, was denkt ihr euch dabei? Ist das irgend etwas Vorstellbares? Ist das nicht unbeschreiblich imaginär? Entzückungen, die fliegen? stumm? auf den Sonntag zu? Und da quillt einem doch das Herz über von etwas geisterhaft Irdischem und Unirdischem in wunderbarster Vermengung, und die Seele über von unsagbaren Visionen des Morgenhimmels und der Dämmerstunde. Und deshalb — nicht wahr — was liegt an den Worten? Das überwogende Empfinden des Dichters schwemmt sie hervor, — vom Rhythmus, der alles ist, ergriffen, ankristallisiert, schwemmt es sie hinüber in uns, wo sie zergehend wieder ausschäumen in Empfinden und in Vision. So spricht der Dichter.“
Still waren die Andern. Wie, keine entzückte Bejahung? — Endlich sagte Sigurd:
„Und wie, meinen Sie, sprechen wir?“
„Wir? Wir machen uns verständlich. Wir wollen verstanden werden, wollen wirken und suchen den passenden Ausdruck, den treffenden, nicht wahr, Deutlichkeit. Der Dichter will sich niemand verständlich machen, nicht wahr, sondern muß singen, nachsingen, was der Dämon vorschreibt, und dies eben, nicht wahr, daß er vollkommen weiß: er kann sich auf unsre Weise nicht ausdrücken, weil dann nur Deutlichkeit entstünde, aber nicht — Empfinden, Sichtbarkeit, Fühlbarkeit, das — nicht wahr — giebt ihm die Gegensprache vom Ausdruck, das — eigentlich ists ein Verhüllendes, nicht wahr, das — Bild, Gleichnis, die Gestalt, das heißt: er stellt dar. Darstellung und Ausdruck, das sind die beiden.“