„Dagegen“, sagte Sigurd nach einer Weile, „ließe sich wohl nichts einwenden. Wie Sie aber — in dem, was Sie zuerst sagten — das Wort so erniedrigen, zum Mittler des Gefühls erniedrigen können, das verstehe ich nicht. Ich —“ Georg, obwohl sprachlos vor Überraschung, daß er erniedrigen sollte, er, dem wie keinem Andern die Einzigkeit, die vollkommene Aristokratie des Wortes bewußt war, — kam nicht zum Einfallen. „Ich empfinde“, sprach Sigurd weiter, „da ganz anders. Ich empfinde —“ Vorgebeugt in seiner Ecke, die Ellenbogen auf den Knien, legte er Gelenke und Fingerspitzen der gewölbten Hände mit kleinen formenden Bewegungen gegeneinander — „ich empfinde — den Leib des Wortes. Ein tiefes Erfülltsein, Umschlossensein; kein Überströmen.“
Esther, die sich bislang unteilhaft verhalten hatte, nickte jetzt beistimmend und schüttelte den Kopf. Auch Benno drehte sich.
„Nein, da müssen Sie mich mißverstanden haben“, sagte Georg. „Das Wort als Mittler? Auch ich —“ die Zeile Jean Pauls wie auf einer langen Fahne vor sich, ließ er sie auf sich wirken, und sagte, langsam seinem Gefühl nachsprechend: „Ich empfinde das Wort, Leib und Seele. Die Seele aber flutet über die Ränder und — bildet, mich erfüllend, den Leib noch einmal in mir. Und das geht — hin und her, nicht wahr; immer ist eines im andern. Die Seele freilich — auf die kommt es doch allein an — die Seele des Worts ist die mächtigere, die immer wieder überflutet und mich — ahnen läßt, tausendmal mehr ahnen, als das Wort enthält.“
„Sie lassen Ihre Phantasie spielen, Georg. Sie sind Romantiker,“ sagte Sigurd, „und —“
„Ich bin kein Romantiker, was fällt Ihnen ein?“
„Dann denken Sie eben an besonders romantische Gedichte, die es ja giebt, die von dieser überfließenden Art sind.“
Esther und Benno nickten lebhaft.
„Aber ich bitte euch!“ widerstritt Georg. „Nehmt doch etwas andres, nehmt — was ihr wollt! Nehmt ‚Der Wald steht schwarz und schweiget — Und aus den Wiesen steiget — Ein weißer Nebel wunderbar ...‘ Was liegt denn an den Worten? am schwarzen Wald und weißen Nebel? Aber eine golden verschattete Welt steigt auf, und das ist die Kunst, wie ich sagte: mit einem Wort hundert und tausend mal mehr zu geben, als es enthält.“
„Und das ist romantisch“, beharrte Sigurd.
„Ja, Georg,“ wagte Benno sich hervor, „handelt es sich hier nicht um etwas andres? Das ist doch — Landschaft. Die soll gemalt sein, gesehen werden, und da wirkt natürlich die Phantasie. Hier tut sie’s auch bei mir. Sonst aber — verhüllt sie sich eher —“