„Verhüllt sich!“ sagte Sigurd. Esther nickte und lächelte.

„Zum Beispiel, wenn du an das von George denkst, dies Wunderbare, du lasest es neulich: ‚So war dein sanfter Sang der Sang des Jahres — Und alles kam, weil du es so bestimmt.‘“ Benno verhauchte beseligt. Sigurd am Regal lehnend, die Finger in den Westentaschen, das Gesicht vornüber gesenkt, sagte kurz, nach innen grübelnd:

„Es muß etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge ästhetisch. Es muß ein ethischer Vorgang sein.“

„Da komme ich nicht mit“, erklärte Georg. „Jeder Vorgang ist an sich rein ästhetisch, nicht wahr? Ethisch wird er allein durch die Erkenntnis — Sie verstehen, Esther —, durch Erkenntnis von Werden und Entstehn, von den Zusammenhängen, von der Form. Hier aber, hier handelt es sich ja um Vorgang und nur um Vorgang. Das Ethische können Sie ja dazu haben, aber — was hat das mit Dichtung zu tun? Das ist doch — abstrakt.“

Benno war nicht einverstanden, und Sigurd bewegte stumm den gesenkten Kopf. „Warum abstrakt?“ fragte Benno und mit ihm Esther aus den Augen.

„Warum? Also — — also wenn ich sage: Bauen, — nicht wahr? Wer baut? Einer schleppt Steine, einer legt sie aufeinander, einer macht Fenster, Türen, Fußböden, einer das Dach. Wer baut denn nun? Der Architekt macht Pläne, beaufsichtigt, das alles sind die Vorgänge. Was aber alle zusammen tun, nicht wahr, und auch allein der Architekt durch Planen und Beaufsichtigen, das sehen wir im Begriff ‚Bauen‘. Begriff! der kann ethisch sein, aber wie wollt ihr den empfinden, nicht wahr? Wo das Wort so voll Vorgang ist, so voll Vorgang!“

„Das können Sie nicht sagen, Georg!“ Sigurd hob voll die heißen Wangen und brennenden Augen gegen ihn.

„Ich empfinde das eben.“

„Ich auch, Georg!“ rief Benno.

„Du auch? Ich hatte sonst sagen wollen: Sie, als Jude, nicht wahr, — seien vielleicht eher begabt für das rein Gedankliche.“