„Nun kommen wieder Ihre überquellenden Ränder“, sagte Sigurd, der ein Buch aus der Reihe vor ihm gezogen hatte und es eben aufschlagen wollte. Er ließ es aber in der Hand hängen und fuhr fort, zur Bekräftigung damit Stöße gegen Georg führend:

„Der wirkliche Vorgang ist: den Leib des Wortes, samt der Seele, die ganze Form: noch einmal aufrichten, noch einmal baun. Er ist, wie alles in Wahrheit Ethische — ein Schaffen, Neuschaffen von Grund aus.“

„Ja, Georg, ja, Sigurd!“ jubelte Benno aus dem Hintergrund, kam hervor gestürmt und stand nun im Licht so lang er war, hoch gerötet in großer Gebärde mit flammenden Augen und fliegender Stirn.

„Georg!“ rief er mit ganz unterdrückter, inbrünstig eindringen wollender Stimme, „hast du’s denn nie gefühlt? Nie dies tiefe Glück empfunden im Empfangen der Form, das — den — den Einklang, das Vollkommene, die ewige Harmonie des Irdischen mit dem Unirdischen, vollzogen im göttlichen Augenblick? Musik, seht ihr, sie ist nicht der Himmel selbst, aber — sie ist das Zwischengebiet, von uns erreicht, ja von uns erzeugt mit unsern irdischen Kräften und unserm überirdischen Glauben, — wo das Himmlische irdisch ward und das Irdische himmlisch — himmlisch im Tönen, himmlisch in der geschaffenen Form, in der wir nun aufgehn, aufgehn, Georg, in beiden — und doch nur eins noch empfinden: Glück.“

„Wundervoll, Benno, ja, aber das, was du da sagst, das habe ich im Tiefsten immer empfunden. Das ist allerdings ethisch, und es ist dann so, daß ich es unbewußt empfand. Ich kann ja — wenn ich überhaupt ein ethischer Mensch bin — nur hierin das Wunder der Kunst erfahren, und — ja, es ist doch so, nicht wahr: die meisten Menschen — nun, ethisch sind sie natürlich alle, denn wenn einer es sein kann, müssen alle es sein. Sie alle haben, nicht wahr, einen ethischen Grundstoff. Von dem wissen die Meisten gar nichts und können deshalb nur moralisch empfinden, das heißt: das Stoffliche. Die Nächsten gelangen bis zur Anschauung, zum Empfinden der Form, also zum Ästhetischen, nicht wahr, und das sind die, die wir gemeinhin Ästheten nennen. Die Dritten haben nicht nur die Erkenntnis des Ethischen, sondern auch — wie Sigurd, nicht wahr — das Empfinden davon. Und bei mir ist es nun so, nicht wahr, daß ich, als selber Schaffender, zwar die Erkenntnis haben und für sich allein auch empfinden kann, aber der Anschauung verhaftet bleibe. Ich habe Phantasie, ich kann sie nicht unterdrücken; alles was sie, die Anschauung mir zuführt, bewegt mich vor allem andern, und das Ethische — Vischer meinte es wohl auch, wenn er das ‚Moralische‘ sagte — versteht sich von selbst.“

„Ja, Georg, dann sind wir ja einig“, bekräftigte Benno mit gerührt sich verbiegendem Körper, als wären sie nach langer Verfehdung wieder Freunde geworden.

„Ja, und Sie, kleine Esther,“ sagte Georg, vor sie hintretend, „Sie haben überhaupt nichts gesagt.“

Ihre Augen glitzerten. „Oh ich,“ lächelte sie errötend, „ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, daß ich verstehen kann, wie sie es meinen.“ Sie lächelte mehr bei jedem beziehungsvollen Wort:

„Ich folge gern, denn mir wird leicht zu folgen,

Ich höre gern dem Streit der Klagen zu —