Wenn die feine Klugheit,
Von einem klugen Manne zart entwickelt,
Statt uns zu hintergehen, uns belehrt!“
Georg, die ganze Zeit, während sie sprach, stark und stärker versucht, ihr Gesicht in beide Hände zu nehmen und zu küssen, konnte es nun nicht lassen, wenigstens ihre Schultern leicht zu berühren, indem er lachend spottete:
„Aber das war ja auch nicht von Ihnen, Esther, das war ja von Goethe!“
„Wir müssen gehn“, sagte Sigurd. „Es ist höchste Zeit.“
Drei Gespräche: Das dritte
Renate schrieb:
„Tage und Nächte, Tage und Nächte! Da liegst du nun auf der Lauer über deiner Arbeit wie ein Panther, und ich stehe dabei und weiß nichts. Wie in der Ermattung dein Menschliches von dir abfällt, so tritt alltäglich, daß ich ihn sehe, der Gott aus deiner Brust, sitzt da groß, durch Wind und Wolkenriß hinunterspähend auf das Werdende; Länderflucht und Wolkenschatten jagen durch seine unbewegten Augen. Warum muß ich ausgeschlossen sein aus deiner Seele, in einer andern Welt, sprachlos wie Echo in einem Walde, den niemand betritt? Will mir denn niemand dies Geheimnis lösen, warum dir alles sichtbar ist, nur nicht ich? Überstrahle ich sie nicht alle? Bringe ich nicht Glück hin, wo ich eintrete? Ach, daß ich alle Spiegel der Welt zerschlagen könnte und kein Bild mehr haben, damit du es merktest, wie ich dürste nach deinen verhängten Augen! Ich ertrage es nicht, du! daß ich dastehn muß wie unbekannt, unsichtbar vor dir in meiner Fülle, und dein Auge blinzelt nicht einmal! An wen soll ich mich denn wegschenken, sag, damit du endlich, endlich begreifst am Zerschlagenen, was dir aus den Händen fiel!“
Sie hielt ein, glühend über und über, fliegend, warf die Feder hin, knüllte ihr Taschentuch in der Rechten, faßte mit der Linken in den Ausschnitt ihres Kleides am Halse und zerrte. Sie schlug das Buch zu, löschte die Lampe vor sich und stand auf; teilte den Vorhang und sah hinaus. Da war nur Finsternis, undeutlich, aber nach Augenblicken wurde der schwarze Schattenriß des Kapellendaches sichtbar über dem Gewipfel gegen den gestirnten Himmel, dann auch darunter da und dort der gelbliche Schein und die Form zweier Fenster. Dort saß er! dahinter saß er! Saß, malte und sonst nichts. — Sie preßte die Stirn gegen das kühle Glas, atmete tief und wurde ruhiger. Es ist beschämend, dachte sie, ich muß es jetzt vergessen; man könnte es mir ja vom Gesicht ablesen, was ich in das Buch schrieb. — Sie sah in die Tiefe ein wenig rechts und gewahrte den Lichtschein, der aus dem Verandazimmer breit in den Garten fiel, darin die Schlagschatten, über Weg und Rasen hin, der dünnen, rankenumwundenen Pfeiler und der hangenden Reben voll Weinlaub; grau schimmerte, wo die Helligkeit am Boden endete, der Sandsteinsockel der Sonnenuhr. Nun sah sie auch, daß eine weiße Gestalt zwischen den Büschen umherging, jenseit des Rasenplatzes; bald kam sie unten zum Vorschein auf dem Wege, langsam dahinschlendernd, ging durch den Lichtschein — es war Magda — die Unterarme hinter dem Rücken zusammengelegt, am Hause vorüber und wieder in die Tiefe, wo sie schwand, aber nach einer Weile wieder sichtbar wurde, stehen blieb und nach oben schaute. Einen Augenblick glaubte Renate, sie spähe nach ihr, aber sie stand ja im Dunkel und war dunkel gekleidet. So blickte sie wohl zu dem gotischen Fenster empor, wo Georg und Esther unter der Lampe saßen; sie hatte ja dort auf einmal weglaufen müssen, um zu schreiben.