Magdas weiße Gestalt wendete sich wieder und ging zurück und kam abermals wieder und verschwand auf dem Weg zum Gemüsegarten. Renate, all ihr Eigenes kräftig niederdrückend, folgte ihr zärtlich mit Gedanken. Sie öffnete leise das Fenster und beugte sich hinaus. Gleich drang mit der schönen Nachtkühle und dem Geruch des vielerlei Blühenden eine gedämpfte Musik undeutlich an ihr Ohr — o, sie übten ja an ihrem Brahmsquartett in der Kapelle —, und nun standen deutlich sichtbar alle drei spitzbogigen Fensters, dunkelgelb leuchtend, im Finstern. Über den blütenlosen Massen der Baumwipfel war das Heer der Sterne in reicher, strahlender Stille aufgezogen. Ganz fern zur Linken schimmerte noch Weißes, — wohl Magdas Kleid.
Renate dachte, daß sie das grüne Fenster von unten gesehen haben müsse, wie sie selber immer wieder leise betroffen von seiner Stille im Schweben, und es wurde ein alter Vers in ihr wach, — vielleicht summte auch Magda ihn im Gehen vor sich hin, sie kannte ihn ja:
Gottesauge still und klar
Zwischen dem Gezweige!
Wandellos im Sternenjahr,
Dulde, daß ich wandelbar
Meine Seele vor dir neige,
Die verzweifelt war ...
Bist du nun am Land, Kind? dachte Renate. Du bist es, ich weiß. Deine Gedanken gehen kleine Wege, wie deine Füße im wohlbekannten Garten von selber sich durch das Dunkel finden; gehen ein Stückchen neben Georg, laufen zu Bogner, der unbekümmert um das musikalische Getöse hinter seinem Rücken vor seinem Wandstück sitzt und mit Kohle Landschaft und Gestalt in den großen Linien festhält. Du brauchst deine Gedanken, die dir nicht mehr weh tun, wenn sie sich nur bewegen, nicht mehr zu hüten; es giebt kein Hinaus mehr aus der wunderbaren, nur mit Gottes Hülfe zu begreifenden Schmerzlosigkeit, die all deine Poren erfüllt ...
Sie atmet leicht, sagte Renate, ich weiß es. Ihre Gedanken halten sich ans Geschaute, rühren an die alltäglichen Vorgänge, an Menschen und Dinge umher nun mit einem sicheren Gefühl und machen sie milde. Nein, es gab nichts Hartes mehr für sie; ein wenig schattenhaft war alles geworden, ein unveränderliches Abendrot von unirdischer Gläubigkeit ruhte am Himmel aus, von dem die sehnsuchtslosen Schatten ein sanftes Dasein bekamen; da mußten alle Stimmen leiser gehn, auf den Gesichtern lag das starke, aber milde Leuchten des Sonnenscheidens, — hatte sie ihr selber nicht einmal gesagt, wie durchsichtig die Gesichter ihr schienen, bis ins Innerste der Gedanken; von ihrem eignen, Renates, Antlitz hatte sie es gesagt und hinzugefügt, was sie Saint-Georges einmal von ihm hatte sagen hören: Niemals kann es welken ...