Da war sie schon wieder bei sich. Ein halbes Jahr jünger war die Freundin als sie und schien älter fast um zehn Jahre. Sie aber stand im Anfang ihres Herzens und — Renate richtete sich auf und ging durch das dunkle Zimmer hinaus.

Im Treppenhaus blendete sie das grelle Licht, und als sie durch das erleuchtete Verandazimmer gehen wollte, erschrak sie plötzlich vor einer schönen und großen Gestalt, die auf sie zuschritt in einem großen, dunkelgrünen Kleide, — bei Gott, sie selber wars, vor der sie erstaunte, die aus dem Empirespiegel auf sie zugeschritten kam. Sie blieb stehn, lächelte verzweifelt zu der drüben hin und spottete sie an: Ist es wohl nun zu begreifen, daß du hier herumgehst so groß wie ein Pferd, und kein Mensch sieht dich? — Achselzuckend trat sie an den Tisch; dort standen Früchte in Schalen, Brombeeren und Himbeeren, auch Bananen und mächtige Trauben von schwarzblauen Beeren. Von denen nahm sie eine in jede Hand, drückte sie zu beiden Seiten unterm Kinn gegen den Hals, trat so vor den Spiegel, aber das half alles nichts, im Gegenteil dachte sie, daß ihre Augen genau wie die Weinbeeren aussähen, und das ärgerte sie irgendwie, sie warf eine der Trauben wieder auf den Teller, erschrak aber und sagte: Nun mußt du sie auch essen, warum hast du sie angefaßt! — Warum nicht? Gerne! — So schlenderte sie auf die Veranda, nachdem sie der Verschwendung des elektrischen Lichts Einhalt geboten, sah ins Dunkel, aber es war niemand zu sehn. Sie trat an die Brüstung, legte eine der Trauben darauf, lehnte sich gegen den eisernen Pfeiler ins Rebgewind und fing an, Beere um Beere sachtsam ablösend, zu essen, und nach einer Weile, als ihre Hand sich mit den Schalen füllte, die folgenden in den Garten zu spucken. In diese Aufgaben vertieft, angenehm durchtränkt von dem süßen Saft, als ob sie Beeren aus Nachtkühle äße, hörte sie Schritte unten auf dem Sande, blickte auf und sah Jason al Manachs Schattengestalt und weißes Gesicht unverkennbar um die Hausecke kommen. In der Nähe der Stufen zur Veranda blieb er stehn und sagte: „Guten Abend.“

In der Meinung, er habe sie erblickt, wollte sie gerade antworten, als sie unter sich Magdas Stimme: „Guten Abend, Jason!“ sagen hörte, und sich überneigend gewahrte sie richtig Magda, die auf der Bank dicht unter der Veranda saß. Jason ging zu ihr und setzte sich neben sie.

Eine Weile blieb alles still. — Ich habe Lust, dachte Renate, hier stehen zu bleiben und zu hören, was sie reden. Vielleicht reden sie von mir. Vielleicht reden sie von Bogner. Sicher reden sie irgend etwas Gutes. Es muß angenehm sein, hier in der Nachtkühle zu stehn und gute Dinge zu hören, die im Dunkel beredet werden.

„Nun, Jason, woran denkst du wohl?“ hörte sie Magdas Stimme.

„Woran möchtest du denn, daß ich denke?“ kam es freundlich zurück.

„Wie ich vorhin im Garten herumging, mußte ich viel an Ulrika denken. Sie kommt mir so verwandelt vor. Was mag mit ihr sein?“

Minutenlang herrschte Stille. „Ulrika Tregiorni,“ hörte Renate Jasons Stimme ganz langsam, „Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners, des Malers, niemals nachgesonnen über das Leben, seine Gewalt und Verhängnisse, vermochte also nicht zu wissen, daß es Menschen giebt, die eines Tages aus weiter Ferne herkommen, vielleicht um in ein Haus zu treten und zu jemand zu sagen: Tue dies! und wieder fortgehn, keiner weiß wohin, und unbekümmert um Verwirrung oder Zerstörung, die sie angerichtet haben mögen und hinter sich dort zurücklassen, wo Ordnung und gelassene Zufriedenheit das Gesetz aller Tage gewesen war.“

„Wie sonderbar du sprichst, Jason!“ klang Magdas Stimme. „Als ob du eine Geschichte anfangen wolltest.“

„Sind wir nicht Alle Geschichten?“ sagte er leise und sprach weiter: „Dies wußte sie nicht. Ihre kühlen, beschränkten Mädchenaugen hatten nie mehr als den Glanz gerader und gefälliger Oberflächen erfaßt; und sie hatte es nicht anders gekannt, als daß alle Dinge, zwischen denen sie aufgewachsen war, ihr dienten und ihr weiterdienen und mit ihr gehn und sich nie verändern würden, so wie sie selber einfach und geraden Weges aus einem Kinde ein Mädchen und Weib geworden war, das den natürlichen Gang des Geschehens auch darin erblickte — — nun, Ulrika, du kannst fortfahren, auch darin erblickte ...“ Richtig, da stand ja Ulrika Tregiorni, weiß gekleidet, im Dunkel vor den Beiden. „Spracht ihr von mir?“ fragte sie. „Worin soll ich was erblicken, Jason?“ Damit wurde sie für Renate unsichtbar; sie setzte sich wohl auf die Bank, zwischen die Beiden, kam es Renate vor.