Und verstehe die Freiheit,

Aufzubrechen, wohin er will.“

Wieder war es still unten. Ulrika sagte, ein wenig leiser als zuvor: „Wie sonderbar du das betonst: daß er verstehe die Freiheit! Ganz so sagte mirs Bogner, als ich mit ihm darüber sprach. Und ich begreife noch nicht recht, daß Freiheit etwas so Sichtliches —, wie soll ich sagen, so einfach Vorhandenes sein soll, daß auf das Verstehen das meiste ankommt. Aber es wird schon so sein.“

Jason sagte: „Die Freiheit ist das Natürliche, mein Kind, das weißt du doch auch, denn die Natur ist frei, auch du, wie du da geboren bist und mit sämtlichen Gedanken. Wenn du dich einmal unterworfen haben wirst, wirst du auch verstehen, was Freiheit ist.“

Lange Zeit herrschte Schweigen; Renate hörte den Nachtwind in den Bäumen oben, dann tiefer unten. Es rauschte, bald hier, bald dort; es kam kühler aus der Tiefe. Eine leise Frauenstimme sagte dort gedankenvoll: „Ja, so meinte er es wohl“, ohne daß Renate erraten konnte, ob die Stimme den Dichter meinte oder Bogner. Jetzt war alles still, ein kleines Gelächter Ulrikas ward hörbar, und sie sagte:

„Eben fällt mir etwas so Nettes von ihm ein.“ (‚Ihm‘ sagt sie, dachte Renate betrübt, als ob es nur den Einen gäbe.) „Als wir neulich in ein Dorf marschierten und der Maler gerade mit seinem ungeheuren Baß eine schauerliche Musik machte, kam uns ein winziges kleines Mädchen entgegen, blieb bei unserm Anblick, andachtsvoll den Finger im Munde, stehn, rannte plötzlich aus Leibeskräften auf den Maler zu, der es anguckte, und hatte ihn schon bei der Hand erwischt, was er aber, immer herrlich singend, gar nicht recht zu merken schien; er schleppte es so am Zeigefinger mit sich, es trabte eifrig, da stolpert’ es, fiel hin und erhob ein so jämmerliches Geschrei, daß er es schleunig auf die Arme nahm. Was nun kommen sollte, wußte er augenscheinlich nicht, aber das Gesicht des Kindes — es war kränklich und schmutzig mit übergroßen braunen Augen — blieb mitten im Weinen stehn, und als er sich nun mit einem beruhigenden Gemurr darüber beugte, wurde es ganz still und sah ihn an. — Ich weiß nicht, was er da gesehen haben mag, aber später zeichnete er das Gesicht des Kindes in sein Buch aus dem Gedächtnis, und es war sonderbar, während er zeichnete, hatte sein Gesicht denselben Ausdruck wie vorher, als er das Kind anblickte, so daß es ruhig wurde und ihn ernsthaft ansah. Es läßt sich nicht sagen ... Er lächelte ein wenig, und von Güte, von Beruhigung, von Väterlichkeit, von Verständnis, von all dem war etwas darin.“

Einen Augenblick, nachdem sie geendet hatte, setzte die Musik in der Kapelle wieder ein mit einem schwunghaften Angriff aller Instrumente, deren jedes deutlich zu unterscheiden war, Klavier, die Geigen zusammen und die knarrende Stimme des Cellos. Renate hörte zwar wieder Sprechen nach einer Weile, doch war nichts zu verstehn. Sie wollte schon hinunter gehn, aber die Musik brach plötzlich ab, und Ulrikas Stimme wurde hörbar. —

„Nein, nie! Davon spricht er scheinbar höchst ungern, und ich habe ihn beinah im Verdacht, daß er mit seinem Schweigen bloß seine Dummheit bemänteln will, aber ...“ Sie lachte und fuhr fort: „Ich versuche es ja immer wieder, auf den verzwicktesten Umwegen ihn dazu zu bringen, aber kaum daß ich ihn habe, wo ich will, beweist er mir einen gräßlichen Irrtum und sagt: Da denken Sie nun mal schön darüber nach!“

Renate riet noch, um welch geheimnisvolle Sache es sich wohl handeln möge, als derselbe Angriff der Musik wieder aufbrach, so daß sie nichts mehr verstand. Nun wartete sie nicht ohne Ungeduld auf das Ende des Satzes; er war nicht lang, wie sie wußte.

Endlich war es still, aber auch im Garten herrschte Schweigen. Ein wenig übergebeugt, sah Renate alle Drei unten sitzen, Ulrika in der Mitte, die Hände um das übergeschlagene rechte Knie gefaltet. Gleich darauf sagte sie: