„Jason, du schmählicher Verräter!“ sagte sie leise.

Die beiden Frauen wandten die Gesichter herauf, auch Jason langsam. „Hast du uns wahrhaftig belauscht?“ rief Ulrika.

„Wahrhaftig. Es war so schön, hier oben zu stehn und euch sprechen zu hören. Der Wind rauschte, aber die Musik war vorhin wirklich zu laut. Nun sind sie ja am Adagio, und Jason kann ruhig weitersprechen. Auf eurer Bank ist ja sowieso kein Platz mehr. Los, Jason, was wolltest du sagen?“

Ulrika flüsterte Magda etwas zu, dann flüsterte Magda, dann waren sie still, und Jason fing an.

„Was denkst du eigentlich vom Tanzen, Ulrika?“ fragte er, „ist das keine Kunst?“

Ulrika schien betroffen. „Wenn man will ...“ sagte sie endlich zögernd.

„Nun, wolle nur!“ redete Jason ihr zu, „und denke auch gleich einmal an die Mathematik. Nicht an die angewandte, die du so kennst, sondern die reine. Und Reiten, wie steht es damit? Ist es keine Kunst, mit einem Tier so zu verwachsen, daß es keinen Willen mehr hat als dessen, der es lenkt? Und bedenke, was nötig war! Es muß doch Jahrhunderte gedauert haben, bis das Pferd so weit gebracht war, und gleichzeitig wurde obendrein das ganze Pferd umgewandelt und aus einem kleinen, bösen Vieh ein großes, seelengutes Tier. Für Gefühl hast du die Dichtkunst einfach eingesetzt, aber mir scheint, die Tanzkunst entspricht dem noch viel einfacher, da sie die empfangenden Nerven an die bewegenden anschließt, innere Wollust in erleichtertes Bewegen auflöst und wieder auf die Sinne zurückwirkt, betäubt und befreit, — und was meinst du, wäre ein tieferer Zauber aller Künste als eben der, zu betäuben und zu befreien, im Wechsel auf und nieder?“

„Mit dem Reiten“, sagte Renate von oben, „scheinst du mir zu übertreiben, aber das tat nach meinem Gefühl auch Ulrika, ich konnte es bloß nicht sagen vorhin, mit ihrer Kochkunst. Nur mit der Mathematik magst du recht haben, ich weiß nur nicht ganz, wie.“

„Ich will es erklären“, sagte Jason.

Ringsum war alles still. Jason sagte: „Was, meint ihr, ist denn nun Kunst? Ja, nun müßt ihr meine Worte recht verstehn, denn nun will ich vom Allerfeinsten reden, vom Gefühl, vom Empfinden, und das ist, als ob ich Seifenblasen mit Handschuhen anfassen wollte. Aber doch scheint mir ‚Heilen‘ das beste Wort. Kunst ist Heilkunst. In Heilkunst liegt Heilkunde zuerst, nicht wahr? Und Mathematik ist Zahlenkunde, da habt ihr schon einen kleinen Zusammenhang. Und nun denkt euch einmal ein Kunstwerk, eine Dichtung oder eine marmorne Figur, wie sie dasteht, wie sie einfach ist, wie sie klar ist, so leicht zu begreifen, so unweigerlich, so sichtlich und mit den zehntausend unsichtbaren Verknüpfungen in ganz unbekannten Schächten eurer Seelen verankert, euer Dunkel erhellend im Augenblick und tiefer vertiefend, — und nehmt dagegen eure Welt, alle Verworrenheit, alle Irrtümer, alle Unkunde, alles ewig Schmerzliche, den Tod und die Wege der Liebe, Trübsinn und Weisheit, Erraten und Verfehlen, Schwinden und Funkeln, Erstehn und Verfallen, die ungeheure Gesetzlosigkeit, die unzählbaren Ahnungen, — und wieder blickt nun zurück! Da stehen mitten in dieser traurigen, zerrissenen, unbekannten Welt zwei Dinge: die Zahl — und das Werk. Beide innig verbunden durch eins: Harmonie. Gott machte die Sterne, wir aber machen schöne Werke immerhin, die uns erfreuen, die, wie sie auch sein mögen, heiter und tragisch, bitter und schwer und voll Elend geschilderten Jammers, doch den tiefen Glanz der Ordnung haben, des Selbstgewollten, des Geregelten, der Harmonie. Den Schein immerhin von etwas Absolutem, das tiefe Feuer der Notwendigkeit, denn mußte nicht Kunst kommen? Mußte sie nicht, wie eines Tages die Zahl entdeckt wurde, daß sie sei und gelte allgegenwärtig? Heilkunde trägt die Kunst; unsre immerwunde, betrübte, seelenkranke Herzenswelt heilen wir mit dem schönen Werk, ja den Tod heilen wir und heben ihn auf mit dem unvergänglichen, dem unsterblichen, dem ewigen Werk. Und Heilkunde, Heilkunst ist auch die Mathematik, weil sie nach dem Reinen strebt, weil sie Gesetze erkennt, und so ein jedes Betreiben, ein jedes irdische Geschäft, das über irgendeinen alltäglichen Zweck hinausgeht gegen das Ewige; das mehr will als Menschliches, mehr als sich selbst, das Unabhängigkeit will, eignes Wirken, Freiwilligkeit, Freude, denn am Ende ist dies doch wohl das gute, einfache Wort.“