Jason schwieg, still blieb es im Garten, in der Nacht, bis mit so erschreckender Plötzlichkeit aus der Tiefe der Büsche die Stimme des Cellos, tief und inbrünstig, einen stürmischen Seufzer aushauchte, daß alles umher zusammenzuschaudern schien. Renate fühlte im Augenblick die Erinnerung an die Stunde vor dieser, oben in ihrem Zimmer, in sich heraufschießen mit einem so unermeßlichen Schmerz um Bogner, daß sie glaubte, es nicht ertragen zu können. Aber der Schmerz ebbte langsam und schwand später. Renate fühlte ihr Haar wehn auf der Stirn, kühle Atemzüge strichen über ihre Wange, ihre Stirn, den Hals, es rauschte allenthalben in der Nacht, es bewegte sich, Ulrika stand groß und weiß unten, die Hände im Nacken gefaltet, das Antlitz emporgerichtet. Die andern Instrumente hatten den Seufzer längst mit Beruhigung und Verschleierung in ihre sanftere Gemeinschaft zurückgezogen, gleich darauf verstummten sie nacheinander, der Garten lag schweigend.
Hinter Renate im Saal flammte das Licht auf, nach Augenblicken wurde Esther sichtbar, hinter ihr Georg, aber sie sahen Beide Renate nicht. Esther lief die Stufen hinunter, Georg folgte langsamer quer über den Rasen. So verließ Renate ihren Platz, schritt die Stufen abwärts, fand unten aber nur noch Magda, die ihr entgegensah. Jason war verschwunden. Ulrikas Gestalt entfernte sich zwischen dem Buschwerk nach der Kapelle hin. Renate, in unbestimmte Gefühle verloren, hörte Magda fragen, ob Obst im Zimmer stünde, nickte nur freundlich und ging weiter.
In der Kapelle herrschte Vergnügtheit. Esther stand da, drehte sich, als sie Renate hörte, zu ihr, rief „Fertig!“ und schwenkte einen herrlich glitzernden Kissenbezug. Ganz rechts in der Ecke hockte der Maler vor seinem Wandstück und rauchte. Über den Pulten und am Klavier, wo Benno glücklich saß, brannten rötlich die vielen Kerzen, Ulrika und Irene haschten nach Esthers Kissen. Ja, und der Prinz und Saint-Georges und Sigurd waren ja auch da. Gleich darauf erschien Magda mit den beiden Schalen voll Obst, und alles stürzte sich auf sie. Renate sah Ulrika eine Handvoll roter Himbeeren greifen und damit hinter den Maler schleichen. Über seinem Kopf hob sie die Hand empor und ließ die Beeren fallen; eine blieb in seinem Haar hängen, er faßte, völlig geistesabwesend das Gesicht herumdrehend, mit einer Hand danach und zerquetschte sie grausam. Was er zwischen den Fingern behielt, betrachtete er nachdenklich, bis Ulrika kam und ihm unter vielen Entschuldigungen mit ihrem Taschentuch die Finger putzte.
Erst als Esthers Kissen ihr an den Kopf flog, endete Renates Verwirrung.
Viertes Kapitel: August
Hora
Georg dachte: Sommer, o Sommer! Wie das alles hängt! Die heiße Luft in den grünen Wipfeln, in diesen schwer schlagenden Massen, und herein hängen die Wolken, weiße Ungeheuer, und das Blau hängt herein in all die glühende Enge. Wie glüht der graue Stein am Haus! Oben, die kleinen Barockfiguren auf dem Dach sehn aus, als wollten sie schmelzen in der blauen Glut, und sie schmachten nach dem eiskalten Schnee der Wolken, die über ihnen hinsegeln, — arme, kleine Tantalusse! O Sommer, o Sommer, o — — Sommer — — Som— —
Georgs Verstand blieb hier stehn. Durch seinen Traum gingen leichte Schritte, Schritte im Gras, Schritte aus Sonnenschein, aus Baumschatten, und etwas sah ihn an, Wesenloses, dann war’s weg, und in Meilenferne brüllten langgezogen die Helenenruher Kühe. Dann sprengte ein Schimmel über den Deich herauf, wiehernd und stampfend, Georg bestieg ihn und flog mit ihm davon, wunderbar leicht, nicht mehr als ein paar Fuß hoch über der Erde, und es wiegte wie ein Karussellpferd, es ging den Deich hinunter und über das Wasser, in dem eine kleine Insel schwamm, auf der sein Vater, Onkel Salomon und Professor Prager Skat spielten in Hemdärmeln, und Georg sah seinem Vater über die Schulter; der aber hatte keine Karten in der Hand, sondern lauter Photographien von Georgs Korpsbrüdern, sagte aber ganz richtig Solo an und spielte aus. Es war aber gar nicht Georgs Vater, sondern der Wachtmeister aus Wallensteins Lager, und sang in einem fort: Und ist die Nase noch so groß, das macht nichts für das Kinn! Esther aber saß derweil still zu seinen Füßen, war zehn Jahre alt und stickte ungeheure kupferrote und lavendelblaue Blumen auf einen eisengrauen Vorhang, vor dem sie saß, und —
Wo bin ich denn? dachte Georg, sich aufrichtend. Bin ich denn nicht in Helenenruh? Nein, da steht ja das Montfortsche Haus in der Sonne, heiß und grau, und hier ...
Im Grase sitzend, sah er neben seiner linken Seite das Postament der Sonnenuhr. Auf den Stufen zur Veranda vor ihm hüpften die Spatzen. Drinnen war es dunkel und schattig; die weiß und grün gestreiften Leinenvorhänge bauschten sich leicht gegen die Pfeiler und Glyzinienreben. Georg besann sich, daß er aus der Universität fortgelaufen und hergefahren war, nachdem er Esther nicht im Schlößchen gefunden hatte, aber hier ... Er rutschte etwas vorwärts und beugte sich vor, um an der Sonnenuhr vorüber zu sehn, und richtig, da saß, als hätte sie immer da gesessen, die Chinesin im Schatten des weiß und grün gestreiften großen Leinenschirms und arbeitete an etwas Winzigem in ihrem Schoß.