Ach, wie kühl sah sie aus! Weißgelblich war ihr Kleid und ihr Gesicht wie Marmor in dem grünlichen Licht. Aber als er kam, hatte doch nur ihr Stuhl dagestanden und Nähsachen auf dem Sockel der Uhr? — Esther sah auf, schien ihn aber nicht zu sehn, griff über sich auf die Platte der Uhr, nahm ein dickes Buch herunter, schlug’s auf und blickte längere Zeit hinein. Dann legte sie’s vor ihre Füße ins Gras, und flugs machte sich ein kleiner Sommerwind damit zu schaffen wie ein Meerschweinchen, drehte sich darin herum und schlug die Blätter hin und her, als ob was darunter zu finden wäre. Georg aber fand auf einmal Esthers dunkle Augen auf sich gerichtet, und sie lächelte paradiesisch.
„Habe ich geschlafen?“ sagte Georg. „Wo waren Sie denn? Warum sind Sie nicht in unserm Park?“
Esther sagte, sie hätte Brehms Tierleben gebraucht, und Renate hatte ihr gesagt, daß es in der Bibliothek ihres Onkels sei. — Georg rutschte noch etwas weiter nach vorn.
„Eben träumte mir,“ sagte er, „ich wäre in Helenenruh und ritte auf dem alten Trompeterschimmel von Magdas Vater, immer einen halben Meter über der Erde, o, es war wunderbar, und Sie saßen — wo saßen Sie doch? Ich weiß nicht mehr, aber sie stickten feurige Lilien ins Montfortsche Haus. — Vulnerant omnia —“ las er vom Sockel der Uhr ab.
„Was murmeln Sie da?“ fragte Esther.
Georg legte sich lang auf den Rücken und gähnte: „Vulnerant omnia, ultima necat sagte ich. Was auf der Sonnenuhr steht.“
Esther antwortete nicht. Es zwitscherte überall, es rauschte leise. Oben schoben sich die Wolken, lautlos, riesig, unaufhörlich.
„Helenenruh,“ sagte Georg, „da müssen wir einmal hinreisen.“
„Ist es so schön?“
„Helenenruh ist der ewige Sommer. Immer ist Sommer in Helenenruh und Ferien. Weiß der liebe Himmel, wann die Menschen da arbeiten. Es wird nur auf Schimmeln geritten. Gott, was rede ich für’n Unsinn.“ Ihm fiel Unkas ein, der See und Jason al Manach, — welch ein Tag, welch ein sonderbarer Tag! — Ach, heute war ihm wohl, endlich, endlich einmal wohl ...