„Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,“ sagte ich leise, „wie willst du das denn gemacht haben, wenn wir dich nichts angingen?“
Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke. „Ihr Alle geht mich viel an und auch euer Leid. Wenn aber eines davon an mir zerren wollte, an mir, nämlich an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich lasse das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? Dann werde ich verwirrt und unnütz, und das Leid ist weiter nichts als größer geworden. Muß man ihm nicht Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich, so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden verringern, als indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, es in ein ordentliches Bett zu leiten? Oh, man muß es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und Stelle und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig. Nun, und wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll ich sie auch noch verlieren?“
Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe es nicht.
„Es läßt sich ja nicht verstehn,“ erwiderte er freundlich, „ich sagte es schon. Oder kann dirs klar werden, wenn ich sage: Man muß mit fühlen, aber nicht mit leiden?“
„Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?“
„Nehmen wir“, erklärte er nun, „einen eisernen Topf. Der ist voll Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt an zu kochen. Das Feuer glüht, der Eisentopf glüht, aber die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die Luft im Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den Rand wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er fühlt sie. Fühlt sie ganz ruhig so lange, bis die Luft in der Freiheit der Lüfte ist, alle schädlichen Keime tot sind, und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus, der Topf wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, mein Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?“
„Beide, Jason, doch beide!“ rief ich ganz aufgelöst, „aber warum, und wie macht es denn dein Topf, dein —“
Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder jedenfalls nicht weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas ein, das mit Jason zusammenhing, doch konnte ich es nicht finden; dann hielt auch der Wagen, und jetzt erst in der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu schreiben, wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte, und ich brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, Jasons Worte, geschrieben am 5. November im vorigen Jahr:
„Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei Männern im Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen sie in aller Glut und sangen schöne Lobgesänge. Das sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists, was wir lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, was wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, der Kunststücke macht mit seinen Heiligen? Nein, er ließ sie ganz und gar verzehrt werden von der Feuersglut, bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst du, Kind,“ sagte er zu mir, „in ihnen war Gott, mit seiner himmlischen Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß ihre Asche fest wurde, fest wie gebrannter Ton, und da empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie angenehm gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen sie unverbrennlich den Lobgesang.“
Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich wir Alle können, — o Gott!