Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, Bogner wird es vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! In Flammen stand ich lichterloh, aber alles, was ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht so, wie Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an, mich, die sie nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und gingen sie an, und seinen Vater, Sigurd und den Herzog, aber doch nicht mich! Sie konnten brennen und verbrannt werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte mir die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt ich denn tun? Erasmus, was konnte ich tun? Ich legte die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie das Feuer drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, so gut ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt und gefühlt, wie sie glühte, und da war meine Hand noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt, denn was half ich?
Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese Schwäche, diese innere Lähme schon durch die Wochen. Es ist, als hätte ich Angst, dies könnte noch nicht alles sein, wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde ich schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte das möglich sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das nur nach mir zielt, nach mir? Ach, und die Jahre all, wie hungerte michs nach dem Glück!
Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte! Da aber, in jener Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, auf der Fahrt, in der Universität, im Schloß dann, die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, da war ich — besinnungslos, war ich leer, von mir selber verlassen und betäubt, und da hat mich einer, der mich schon lange belauerte, der hat mich da überfallen, der schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir, zusammengekrümmt, und wartet, und dies alles bisher waren nur erst die großen Verneigungen.
Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du Gott oder der Teufel? Du hast mich öfters auch trunken gemacht in diesen Wochen, hingegeben der Ferne, einem himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann dachte ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht, ich weiß es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun süß ist oder bitter, wie soll ich da erkennen?
War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason, und ich schrie: Beides!
Cornelia Ring an Renate
Altenrepen, am 29. August
Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen für Ihre lieben Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht von mir, daß ich Sie bis heut ohne Antwort ließ! Ich, wissen Sie, habe gar keine Widerstandskraft, und wenn mich etwas trifft, so kann ich nur stillhalten und mich zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß ich wenigstens der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen lassen kann ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper geschwollen. Wenn Sie es denn erlauben, komme ich in der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich Ihnen nur schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag an mich ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte sich umbringen. Ja, Sie haben sein ‚Was soll nun aus mir werden!‘ wohl nicht ganz recht verstanden, denn das hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern daß mit seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es bestand nur in ihm. Ach Gott, es war wohl sehr komisch! Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig zu werden, mein Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er wieder hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an dem er zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, ob sich in Josefs Papieren irgendwelche Bestimmungen für Li fänden, fand aber nichts. Li selber hat sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und behauptet, seine — Josefs — Erinnerungen aufschreiben, das heißt aus seinen Tagebüchern wiederherstellen zu müssen und herausgeben. Er, Josef, erlebte ja viele und unglaubliche Dinge, es giebt mehrere Tagebücher, die meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie sehn, wie sehr der Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er lebte, würde er Ihnen Li aufs höchste rühmen. Er spricht, glaube ich, alle lebenden Sprachen und besitzt tausend Fertigkeiten. Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen begleitet, und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn er, Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie (ich glaube fast, seinem Bruder gegenüber) für unpassend, einen Diener für sich allein zu haben. Ich habe ihm nun Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir nicht bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es ihm gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. Bitte, wenn Sie oder vielleicht Herr Montfort etwas aus Josefs Leben wissen möchten: Li weiß alles, und es sind ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir, wenn er schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen seines wahren Herrn nicht sein könnten, wären gar keine schon das beste. Das klingt ein wenig lieblos, aber Sie sehen, wie er es meint, und das ist auch ganz so, wie ich Josef einmal sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück hat und gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf. Und ein andermal sagte er: Unglück kommt selten allein; das ist wahr, denn immer hat es irgendein Glück zur Folge für jemand anders, und aus der Birne, die ich für faul halte, klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine Allee.
Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen Sie bitte meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, so würde ich mich am liebsten selbst anbieten. Einem Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der selber kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein Wort Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er ein blaues Auge davon; wo es aber die Seele traf, was für ein Auge wird sie da aufschlagen? — Herr Bogner wird mich ja kaum mehr brauchen; da Frau Tregiornis Mann tot ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen bleiben.
Und nun gottbefohlen! Herzlich grüßend Ihre