Cornelia Ring

Zweites Kapitel: September

Georg an seinen Vater

I

Jason sagte (und nämlich im Auftrage der Andern, denn sie hielten ihn für den Geeigneten, und er wars auch!), Jason also sagte mir, daß Du gestorben seist. Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (Übrigens, ich erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich ihn noch nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr vorstellbar, doch war es so, daß Jason ganz weiß von oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke saß, in der es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und diese, ich muß gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung verschwand.)

Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck. Dir ist bekannt, denn wir sprachen mehr als einmal darüber, daß wir im Zeitalter des Ausdrückens leben, auch Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was das Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nämlich: die Form, das weiß ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer George), und eines jeden ganzer Stolz ist es, wenn er für irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden hat. So auch die übrigen Menschen, und so auch in diesem Fall und so weiter.

Nämlich, ich will sagen: die Umstände reden ja gewissermaßen zugunsten der Andern. Mordanschlag eines Irren ... ich beklage Sigurd nicht weiter, als ich ihn eben verstehe, das heißt, ich habe alles, was Vernunft und Sinnenordnung heißt unter den Menschen, so oft hirnverbrannt finden müssen, an Andern und an mir, daß ich durchaus nicht weiß, ob wir nicht in die wahren Ordnungen gerade dann eintreten, wenn die uns bekannten gesprengt scheinen, und übrigens, wer sagt denn: gesprengt? Ebensogut können sie ja nur erweitert sein. Attentate auf Fürsten sind auch von sogenannt vernünftigen Leuten nicht selten verübt worden, und so ließe sich in Sigurds Falle besonders gut annehmen, daß es für ihn, um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist. Auch wieder so ein Ausdruck!

Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrübte Mienen und so weiter, vor allem unbedingt Deine sonst ganz unverständliche Abwesenheit, — wie gesagt, all das spricht für Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das ist eben der gängige Ausdruck. Und eine Nervensache ist es ebenfalls, denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du seist tot, in dem üblichen Sinn des nicht mehr Vorhanden-, des Abgeschiedenseins: müßten nicht meine Nerven reißen im Augenblick? Mit einem Wort: ich stürbe vor Angst?

Nein, mein Glaube bleibt die Form. (Übrigens ist es, wie mir einfällt, gerade Sigurd, dem ich die frühste Belehrung hierüber verdanke.) In der Form offenbart sich die Seele; Deine Seele aber, wie könnte sie gestorben sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche Erscheinungsart, ja, die hat sie allerdings in außerordentlicher und besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es eben tut, indem sie rasend wird. Einzig wunderbar aber bleibt, daß die Form, in der Du nach wie vor Wesen hast und lebst, daß sie ganz und gar zusammenfällt mit der Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke fast göttlich: Du, gemacht aus väterlichem Stoff, eingesetzt in die Form des Vaters für unsre Lebenszeit, nicht leiblich mein Vater, aber ganz und ewig im Geist? Nein, besondrer konnte es unmöglich erdacht werden. Mir verbleibt.

Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schläft immer ein, dieser Knabe Georg! Ich dachte erst, das Schreiben würde ihn munter erhalten, aber es scheint mir doch nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher (übrigens, in Chöttingen sagt man Cheist, — ich weiß nicht, es reizt mich so besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben habe, was mir eben einfällt. Nicht wahr, es könnte ja grade das von ausschlaggebender, mit einem Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher, wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist so schlaff wie meine Beine und so weiter.