Drittes Kapitel: Oktober
Insel
Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein der Stare in den Bäumen mit einem fast schweren Gefühl des Wohlseins. In augenblicklicher Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder abgefallen ... spürte sie sich noch aus dem Schlummer liegend heraufgehoben, spürte, wie er dünner und leichter um sie wurde, endlich aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand sie ihr ganzes Wesen wie durchduftet, gesättigt mit einem wundervoll kühlen Dampf, der ausquellend um ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab, setzte sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhänge unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, — nicht ohne leichtes Enttäuschtsein, denn da schien keine Sonne, es war grau. Die Stare schrien immerfort an derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich empfindlich zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr langsam wieder entwich, und danach blieb ein Gefühl, als müßte einer ihrer Sinne beeinträchtigt sein oder gar verschwunden — und doch war da jeder: Gesicht wie Gehör, Geruch und Geschmack, und sie fühlte sich auch! — Die andern aber hatten sich zu einem süß brausenden Chaos von Musik vereint, das in ihr brodelte wie eine innere Sonnenwärme, und dies wars, wovon sie für Augenblicke blind, für Augenblicke taub zu sein glaubte, und die Stare waren jetzt kaum hörbar oder ganz fern.
Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter und versuchte, den nackten Oberarm an das Ohr zu halten, im Gefühl, sie müsse es darin dröhnen hören wie in einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und rührte unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber, kaum daß sie die weiche und kühle Glätte spürte, zusammen wie unter einem magischen Schlage, streifte den Ärmel wieder hoch, sprang vom Bett, ging zum Fenster und teilte vor dem offnen den leichten Vorhang.
Draußen war nichts als ein undurchdringlich dichter weißer Nebel von unbeweglicher Stille. Erst nach einer Weile erschienen schattige Massen darin, zwei große Bäume, und von dorther lärmten die Stare.
Diese Welt schien so geheimnisreich, daß Renate sich überneigte, um zu sehn, ob die Hecke noch da war, und richtig, da war die sehr stille Wand von rauhen Haselblättern, matt glänzend von schwerer Nässe, dunkelgrün und vielfach bräunlich gesprenkelt.
Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes Blenden die Reinheit des Himmels über der Nebeldecke, in der so viel Blau war wie in frischer, gewaschener Leinwand.
Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still würde die See sein! — Renate hatte augenblicks das Nachthemd abgestreift, den daliegenden, dunkelgrünen Trikot angezogen, dann die Sandalen mit goldenen Wadenbändern angelegt, worauf sie in den seegrünen Bademantel schlüpfte und die grüne Gummikappe in die Hand nahm. Die Uhr im Armband, das sie überstreifte, zeigte ein Viertel nach sieben.
Im Nebenzimmer stand ihr Frühstück bereit, doch nahm sie nur, um nicht ganz nüchtern zu sein, einen Schluck warmer Milch und ein Stück Weißbrot mit Honig zu sich, das sie noch im Fortgehn fertig kaute.
Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause! Kein Mensch ... Schweigen, und nur vor der roten Hauswand bewegte sich ein Schatten, der Hund, der vorkam, soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr nachsah, die leichtfüßig am Gartenzaun hinlief und, an seinem Ende nach links biegend, durch das lange, nasse Gras der Wiesen in den Nebel hinein. Es war so lautlos um sie her, daß sie stehen blieb und sich umsah. Deutlich in den Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort, woher sie gekommen war, aber zu hören war nichts als das Schlagen ihres eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken der Uhr.