Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkühle; unter dem Nebel erschien die sanfte Schrägung des Deichs, die sie alsbald erstieg mit einer leisen Besorgnis: wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! — Sie stand oben und sah die schräge Mauer der Quadersteine mit grünen Fugen von Tang hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich! Ohne Laut war es bis hier herangekommen. Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg der Nebel, in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war, ohne daß die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch änderte. Zerfließend weiche Füße tanzten auf der dunklen Glätte der Flut. Die ganze große See war nicht vorhanden.
Renate konnte die Höhe des Wasserstandes an der Entfernung von ihm bis zur Deichkrone messen. Sie warf den Mantel ab und legte die Uhr darauf. Als sie wieder gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder fühlte, mußte sie lächeln mit zusammengezogenen Augen. Sie zog die Kappe fest über das Haar, stieß dann die Arme wagerecht von sich, dehnte die Brust, legte den Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon schärfer geblendeten Augen spürend, daß hoch über ihr ein Hauch von Bläue sich regte. Plötzlich gluckste das Wasser in der Tiefe. Sie senkte den Kopf, verscheuchte den Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei Viertel der Schräge hinunter und warf sich über den Rest hinweg laut klatschend in die Flut.
Aber — oh tausend Teufel! — sie schrie und schnaubte vor Schreck, wie eisigkalt das doch war! Sie schwamm heftig, merkte, als sie nach einer Weile die Füße sinken ließ, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich halb zurück und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den Augen haltend, in langen Stößen die Füße schließend, übergreifend mit dem rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf schüttelnd und leise prustend nach jedem Stoß, wie alle rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau um sich her fühlte, drehte sie um und schwamm so weit zurück, wie sie gekommen zu sein glaubte, legte sich auf den Rücken und erreichte so bald den Deich.
Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser gewesen sein, und doch war, als sie wieder oben stand und sich frierend und triefend nach ihrem Mantel umsah, alles schon verändert. Wind wehte jetzt. Die Sicht über die Wiesen hin war freier geworden, die Zäune sichtbar, und in der Höhe bewegten sich flüchtende blaue Löcher im Weißen. Und als Renate ihren Mantel entdeckt, ihn an- und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war die Uhr fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter der weißen Wand zu erkennen, und war sie selber vom Frottieren so brodelnd heiß wie ein eben neugeborenes Brot aus dem Ofen.
Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe Stunde — gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte — am Deichrand hin und her, See und Himmel beobachtend, die immer blauer wurden und immer freier, und dann lief sie plötzlich in größter Eile ins Haus zurück, um sich anzukleiden und zu frühstücken, jählings ersterbend vor Hunger.
Später dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur mehr weit und breit zu entdecken war, fand sie sich auf einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt im nebelnassen Gras unter den äußersten Zweigen der Parkeichen, vor sich die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne, wehend von Halmen und den letzten Margueriten bis in die offen feurige Bläue des Himmels hinein. Sie holte den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem Auflösen ihrer um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem Kämmen, stückweis erst von oben bis unten hin, dann der langen Schweife, die sie in der Hand hochhalten mußte, in großen Strichen, wonnevoll spürend, wie die Masse weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte von elektrischer Kraft.
Später saß sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien, die Hände um die Fußknöchel geschlossen, während der leichte Mantel ihres Haares um sie wehte und sich zerteilte im behutsamen Wind, und vergnügte sich damit, in den Ausschnitt ihres Kleides über ihre Brust hinunter zu blasen.
Später lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme über der Brust gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt, aufgelöst in Erd- und Himmelswärme, und dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie die Welt! —
Dann entschlief sie beruhigt.
Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden. Renate ging in einem weißen Kleid auf den gewundenen Wegen des Parks umher zwischen tiefgrünen Flächen der von Bäumen und Gebüschen langhin überschatteten Wiesen, — jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt über die immer noch unvollkommene Musik, die dort unerlöst wogte, nicht näher kommen, nicht deutlich werden wollte. Kaum daß sie hier und da einmal aufsah und es bemerkte, wenn eine große Gruppe von Buchen ein plötzliches und gewaltiges Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll, wie ein Chor, während sie die laubigen Arme und Glieder schüttelten, von denen flüchtende Blätter seitwärts hinunterwehten über die Wiese. Oder wenn eine Schar weißer Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Höhe hineinwarf, in einer feurigen und weiblichen Gebärde des Fortverlangens. Für Augenblicke dann betroffen, zuckte sie mit, gleich nach innen wieder gebeugt, fast verstimmt, weil die Musik in dem Innern geringer vernehmbar geworden schien.