Als sie dann vor der kleinen Brücke zur Insel stand, fühlte sie sich angesichts der mächtigen, schattenvollen Masse der Baumkuppeln von einem unerklärlichen Zaudern ergriffen, ja, von einer Angst, so daß sie sich selbst hinüberlocken mußte mit dem Gedanken an das Grab der Herzogin, und fast hinüberziehn mit der einen Hand am Geländer. Drüben stehend, gewahrte sie zum erstenmal das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann zu drehen und sah mit Verwunderung die Brücke sich bewegen und hochsteigen, bis sie im Winkel von dreißig Graden stillhielt.
Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich erleichtert, und ging leise in den schmalen Gang zwischen dem Buschwerk hinein.
Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam, so abgeschlossen im Ring der Bäume wie in der Tiefe eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein Blatt an den dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren Stamm das eherne Schild kaum noch zu sehn war im Düster des Laubes. Darunter nichts als ein besonders grüner, geschorener Fleck im Gras: das war das Grab.
Hier dämmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde kaum wahrnehmbar übersprenkelt von den lila Flecken der Herbstzeitlosen. Sie sah, die Augen hebend, den Himmel oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz seligen See von Bläue, überrieselt von güldenen Funken, und ein einsamer, weißer Fittich, vergoldet, streckte sich hinein, als stünde im Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die Wärme hier, dunstiger, feuchter, und auf einmal glühte ihr ganzes Gesicht.
Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhöhe unter Kastanien der kleine Tempel von Rokokochinesisch, aus Baumrinde und längst ohne Glöckchen; langsam ging Renate hinüber und trat in das Innre, in dem nichts war als ein Sessel mit verblichener, grünlich goldiger Damastbespannung. Renate glitt hinein und fand, daß sie gerade gegenüber die Blutbuche mit dem Namensschild hatte. Plötzlich entdeckte sie auf dem Fußboden den plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, daß der Herzog hier oft gesessen hatte, und daß er nun auch tot war.
Für eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten, ward ihr das Herz schwer, und sie fröstelte. Schwerer aber dann empfand sie ihr Haar, zögerte noch eine Sekunde, löste Spangen und Nadeln, schüttelte den Kopf und fühlte erfreut die Erleichterung der zum Rücken fallenden Last von Zöpfen.
Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war doch nicht genug! Ihr Kleid war das Drückende, und sie glühte, und im nächsten Augenblick hatte sie die ganze geringe Bürde der zwei Röcke und Wäsche von sich gestreift und auf den Sessel gelegt, leise, als dürfe niemand es merken. Sie legte Schuh und Strümpfe hinzu und ging dann halbgeschlossenen Auges, die Hand um die linke Brust und mit dem unsicher weichen Gang der ungewohnten Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Türpfeiler, den sie umfaßte, und an dem hin sie sich selber hinunterdrängte, sich hingleiten zu lassen ins Gras.
Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer Schlag von solcher Gewalt, daß ihr Herz stand. Dann lag sie angeschmiedet, hineingefügt in die glühende Erde. Schon fühlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten Arme, so weit wie am Himmelsrand, ihre Hände schreckenvoll vergrößert, und nicht Gräser, nein Gesträuche, nein Bäume wuchsen zwischen den Fingern hervor, ihre Finger waren Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem Gewipfel über ihr stürzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges Gesicht, da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reißenden Himmeln zu und hinein, es brauste herauf durch die Arme zu den Schultern, daß sie schmerzten. An ihrem Rücken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger Rücken, ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam durch ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht mehr, wieder Ruhe, und nur das langsame ächzende Drehen der Kugel, mit der sie eines wurde.
Unaufhörlich aus dem Himmel über ihr fielen blaue Stücke mit goldenen Rändern und zergingen lautlos an ihr, aufbrennend in Flammen sonder Asche und Rauch.
Ein Angstgefühl, das nicht menschlich war, ergriff sie jetzt. Sie lag bewegungslos, sie wollte sich aufrichten, sich losmachen, allein umsonst. Jetzt, dachte sie plötzlich, jetzt geht der Gott durch den Wald, jetzt steht er im Tal, jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach!