Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab es in ihr einen Riß, und langsam, erstaunend, erhob sich die sanfte, feierliche Seele aus ihr, sah sich um ohne Bangigkeit, sah hinunter vom Gipfel des Gebirges über das gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll Dunkel hin, über den abendlichen Strom, über die ewigen Hügel von Grün; atmete das Gold ein der regungslosen Lüfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und sie erkannte mit einem Schluchzen, süß betroffen, ihre Heimat.

Dann saß Renate aufrecht und gewahrte deutlich drüben zwischen der braunen Buche und der Fichte in der schwarzen Dämmrung ein weißes, menschliches Gesicht, klein, sanft, ewig, — und sie schrie auf aus tödlich entsetztem Herzen: Ech-en-Aton!

Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber das war ein und derselbe! — Und noch zitternd, übermenschlich sich wehrend gegen den Kommenden, schmolz sie schon hin, schmolz hin zu seinen Füßen, lag hin vor seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewußte, das Niegeglaubte, das Gefühl über allen Gefühlen, seufzte sich los aus dem Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr Grauen, ein beides in ungeheurer Majestät nur Dasein grenzenlos, Süße grenzenlos, und mit dem Herzschlag des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib und Seele ihr in das strömende Schluchzen, mit dem sie ihn empfing.

Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Höhen und vereinte sich mit den aufwärts stürzenden Tiefen. Über sie hin ging ein Regen von Küssen, in dem sie sich löste, und sie war eine Wolke von Küssen um den Gott. Bäume, brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit tausend Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel, herunter taumelten Schwärme von Gefieder, in unterirdischen Strömen ihres Blutes zogen Geschwader silberner Fische noch stumm, Vögel mit Fittichen von Sternen bewegten sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder wogten die Berge, wartend auf das Zeichen zum Aufbruch, da stand das riesenhafte Einhorn schneeweiß auf einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz.

Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf dem ihren, der sich regte, und so zog durch ihren Schoß ein die Orgelbrandung des himmlischen Sterbens. Noch verbrannte an der Berührung eines Mundes ihr Mund zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die Stummheit aller Kreatur aufgelöst in ihrer Umarmung zu schallender Harmonie. Es lobsangen in den Höfen die Engel, in den Lüften die Vögel, hinschweifend ohne Pfade, in den Bergen tönten die Erze, auf den Bergen die Wälder, Gebrüll der reißenden Tiere in Tälern ward Gesang, Heerscharen der Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang, und in Strömen und Quellen, in Teichen und Wasserstürzen standen Orgeln und wandelten Harfen, erklingend, erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen Abend, einsam, die Flöte des Hirten Frieden blies, über Dämmerung, durch das Finster, und ein Stern ging auf.

Es war Nacht. Fremde Bäume rauschten gedankenvoll. Eine Kühle ging nachdenklich aus dem schwarzen Dickicht hervor, breitete die Arme und verhauchte schaudernd den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher. Langsam fielen eisigklare, ruhige Tränen.

Aus den Papieren Georgs

Auf Hallig Hooge

Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die Wirkung dieser ganz grünen Insel sein, auf der ich nun hause? Wir sind heute nicht abergläubisch mehr, und im Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so machen ihm die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses Behagen. Übrigens sind ja auch Lebendige vorhanden, obschon auch diese besondre Untertanen des Todes, sein Zeichen tragend an der Stirn: Bogner, den er eben aus seinen Reichen entließ, und Ulrika, die — ich hoffe — nur hindurchgehen wird. Nur das Mädchen Cornelia scheint munter.

Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben haben, scheint sich gut ertragen zu lassen; er schweigt. Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da er bürgerliche Kleidung angezogen hat, könnte er der Pächter dieser Insel sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses Gesicht wie ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen, immer scheint er zur Teilnahme bereit. Doch er schweigt. Ein wenig hat er etwas Russisches, vielleicht ist er Balte; die Sprache verriet nichts.