Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon im Segelboot auf der Fahrt.

Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es! Sage, wie unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der Fahrt. Vom Festland der weiche, emsige Wind trieb das Boot in gerader Fahrt, weich reitend über die dunkle bläuliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch war, zu sehen, ja fast schon zu fühlen die grenzenlose und berauschte Seligkeit, die seiner Umarmung mit dem Ozean ausstrahlt, — großes, locker bewegliches Getümmel grauer und weißer Wolken überm blauen Grund, und die Wasserwüstenei, kalt, nicht weit zu überschaun: unwiderstehlich preßte da der kühle, brausende Odem der Göttin sich in deine Brust, verdrängend den kranken Menschenatem drin, bis es nur der ihre noch war. Oh ruhiges, mildäugiges Leuchten der Nachmittagsstunde, schräge von oben durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh wieder empfindliches Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen Schatten! Oh wieder Entschweifen weithin und voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein Festes dem Auge sich bot, und plötzlich entzaubert das Inselgebirge sich schwimmend erzeigte ganz grün.

Wenn ich nun die Augen schließe und mir die Insel vorstellen will, erscheint sie mir besondrerweise immer aus der Vogelschau, — erhob mich so mein Gefühl? — Ich sehe den kreisrunden grünen Kranz des Deiches aus einer wolkigen Höhe, fest hineingefügt in die ungestüm daraufzu und an zwei Seiten vorübergewälzte dunkle See; sehe die leere Wiesenmulde im Kranz, und sehe, daß sie ein Amphitheater ist, diese Insel, denn an der Wattseite fehlt ein Stück des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort zur Linken, schräge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus, langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach, etwas erhöht, überwölbt vom einzigen Baum, dem Birnbaum voll kleiner, glänzend grüner Früchte, dahinter Gemüsefelder. Vom offenen Strandstück quer durch das grüne Tal führt ein getretener Pfad ganz grade zum ‚Kavalierhaus‘, das übrigens dem Gesindehaus gleicht, außer daß es Fachwerk ist, weiße, jetzt schwärzliche Balken mit blauer, jetzt weißlicher Füllung, während das andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des ‚Astrologen‘ wohnte. Und keine dreihundert Meter östlich von ihm steht der achteckige Turm der Sternwarte oben auf dem Deich.

Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen Boden betrat. Ja, hier läßt es sich leben und sterben ... Die schrägen, an der Außenseite vom Seetang ganz begrünten Wände des Deiches stiegen haushoch — und das scheint berghoch dahier vor der riesigen Fläche. Vom Winde war plötzlich kaum ein Hauch mehr zu spüren, es war rätselhaft still. Rechts, am innern Abhang des Deiches, wo er endete, waren zwei weiße Ziegen angepflockt, die bei meinem Anblick sofort entgeistert die Bärte hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten, so weit näher zu stelzen um ihren Pflock, als es die Kette erlauben würde. Menschen waren nicht sichtbar, und so ging ich in die tiefe, grüne Stille des Tals hinein, abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung, deren westliches Stück eine breite Schattendecke in das Innere legte.

Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut wie alle Bauernhäuser der Landschaft, langgestreckt; ein Mittelstück ist überhöht, links sind die Stallungen (hier freilich keine), rechts die Wohnräume; Vorder- wie Hintertür in der Hausmitte sind zerteilt, so daß die obere Hälfte sich allein aufschlagen läßt und man darin lehnen kann.

Wie freundlich leuchteten mir im Näherkommen dann das Blau und Weiß des Hauses im tieferen Licht und im Blumengarten davor Gebüsche von rosigem, weißem und ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das große Wandern der Sonne spüren zu können und wieder Raum in meiner Brust.

Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um seine Ecke gebogen war, hatte ich dies unvergeßlich scheinende Bild:

Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere Steigung des Deichs, — rundum schließend wie ein Ende der Welt. Hoch oben stand, noch ganz am Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte, obwohl sie schräg von mir abgewandt stand nach der See, ganz leuchtend vom feurigen Sonnenschein, im blauen Kleidrock und weißer Bluse und in einer Haltung, als ob sie im Gehen festgewurzelt wäre. Ein paar Schritte weiter rechts saß, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl ein grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem mich erst Erfahrung zu meinem tiefen Erschrecken den Maler Bogner erkennen lehrte, — und Beide über der grünen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem leeren Himmel, ganz nahe davorgesetzt. — Und dann, wie ich wieder nach unten und zur Rechten sah, gewahrte ich auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika Tregiorni in einem grünen Kleid, die Hände im Schoß, sitzend in einer solchen Ergebenheit, so sich hineinfügend in die Tiefe, über der droben die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau hielten über ein unsichtbares Land, — daß es schmerzlich zu sehn war.

Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als ich seinen Namen rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen; wie sein gealtertes Gesicht sich veränderte in der Freude; wie er aufstand und die Arme nach mir ausstreckte wie ein Vater — leider im Stehen noch verkrümmt infolge der fehlenden Rippe —; wie ich zu ihm hinauflaufen mußte und er fast weinte, — ach, ich fürchte doch, dies ist mehr erschreckend als erfreulich, denn früher war er alles andre als weich. Mir aber blieb alles nach in der Brust und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich bilde, von weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengeäst in dem Dämmer der Tiefsee.

Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und so weiter, — ich weiß nicht, mir wird auf einmal wieder so unruhig ...