„Ach,“ sagte ich, „dann werde ich ihn nicht zerstören, sondern im Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen, denn je mehr ich davon in Erfahrung bringe, um so ungeheurer werden die Umrisse im Dunkel. Sag mir, was ist mit der Wiege?“

„Du mußt,“ erklärte er nun, „wenn du es wissen willst, nicht die große Frage nehmen, sondern die kleine. Unbekannt? Also werde ich dich sie fragen: Warum geht die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht auf und abwärts von vorne nach hinten?“

Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber ich wußte keine Erklärung.

„Weil“, sagte er da, „die Mutter, die in ihrem Leibe das Ungeborene trägt, es wiegt, indem sie es von einem Fuß auf den andern bewegt im Gehn, von links nach rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese Bewegung, wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.“

Ich dachte noch: Das Kind fühlt sich in der Wiege, wie in der Mutter; und es glaubt, was es fühlt; aber der Mensch hat freilich Erfahrung und ist so groß geworden, daß er selbst im Meere sich nicht mehr fühlen kann, obwohl er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich selbst, und er glaubt an nichts mehr.

Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklärung Bogners ergriff, ja erschütterte. Sie traf mich wie ein Blitz, und eine Sekunde lang wußte ich alles. Das war, als hätte die vorher immer grenzenlose Welt plötzlich ein ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war alles zu Ende.

Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige, ob er an Gott glaube. Er sagte, wenn ich ‚glauben‘ gleichsetzte mit Fürwahrhalten, so könne er nicht sagen, daß er glaube.

Ich fragte: Warum?

Er sagte erst nach einer Weile: „Ein religiöser Mensch, mit dem ich einmal über das Jenseits sprach, meinte, ich glaubte daran nicht, weil meine hiesigen Sinneswerkzeuge nicht imstande seien, mich über das Dortige aufzuklären und mir Beweise zu schaffen.“

„Das war nun nicht der Fall“, fuhr Bogner fort. „Zwar bin ich der Meinung, daß es sinnlos ist, mich in meinen Sinnen mit Dingen zu befassen, die für eben diese Sinne unzugänglich sind. Ich habe aber eine Seele. Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschäftigen soll, da sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und Wachstum findet, das allerdings ist mir unerfindlich. Warum aber tun dies fromme Leute wie jener Frager?