„Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein ihnen keine Gelegenheit bietet, oder im Verhältnis ihres übervollen, sorgengefüllten Daseins zu geringe Gelegenheit, um sie zu betätigen, ja nur zu empfinden. Zu Essen und Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu Büroarbeit, zu Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und Musikkapelle haben sie eine Seele nicht nötig. Vielleicht daß sie es meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge würden sie mit der Vernunft allein und ohne Seele genau so gut besorgen, und die Tiere tun das in ihrem Maße, zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch wissen sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen reich werden. Sie sind so arm, daß sie sogar einsehn: für einen Reichtum der Seele ist in diesem Dasein kein Platz. Sie müssen selber wider Willen einsehn, daß sie ihre Seele hier nicht brauchen können. Wäre Mitleid von allen Lebensvehikeln nicht das gefährlichste, so könnte man Mitleid mit ihnen empfinden.
„Ich,“ sagte er langsam, „ich war ein glücklicher Mensch. Ein reicher Mensch. Ich brauchte auf keinen dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe durch über zwanzig Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes Tages meine Seele gebraucht. Ich war reich“, schloß er traurig.
(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen; er kommt immer zur selben Stelle zurück.)
Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald, um ihn abzulenken. Er schwieg lange. Endlich sagte er:
„Ich glaube ja nicht. Ich — bedarf. Du und ich, wir bedürfen des Göttlichen.“
„Und das ist?“
„Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten Dinge, vor denen dich schaudert. Es giebt dich und mich selber, die wir uns so unbekannt sind, daß uns schaudert, wenn wir diese Stelle berühren. Warum mußte ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berührte, so sagte Gott: Ja. — Und ich sah ihn golden eingehüllt in sein Rätsel. Warum kann ich nicht mehr malen? Ich habe die Gnade verloren.“
Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden unterbrochen und kamen an diesem Abend nicht weiter.
Da wir heute von großen Menschen vergangener Zeiten sprachen, so malte Bogner in einer unbeschreiblich wunderbaren Weise von manchem das Wesen, mit Bildern aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hörte (und immer mit diesem leichten Zittern von Tränen in der Stimme, das er jetzt bei solchen Gelegenheiten hat), und ich erinnere mich nur noch, wie er Hölderlins äußerlich rührend dürftige Gestalt hinstellte als einen abnehmenden Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles Rund doch im Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul nannte: einen Pfauenschweif aus Regenbögen, und Novalis die Narzisse mit den Zeichen der Passion in Blüte verwandelt, — worauf er dann mir ganz unvermutet in Klagen ausbrach, daß es nur früher Menschen von solchem Seelenadel, solcher Reinheit, Größe, Süße und Einfalt gegeben habe. Ich mocht es nicht glauben, widerstritt aber nur unvollkommen: eben heute hätten wir andres ...
Er seufzte. Was das für ein sinnloser Einwand sei. „Du vermissest eine Blume und sagst: aber jetzt habe ich einen Edelstein. Ist nicht das Dasein jedes Dinges gegründet auf seine Notwendigkeit? Gäbe es überhaupt etwas, das wert wäre zu sein, wenn es einen Ersatz dafür gäbe? Gut aber, du sagst, du habest jetzt den Edelstein, und eins machst du damit natürlich klar: daß der Edelstein, den du kennst, im Augenblick für dich einen solchen Wert hat, daß du den der Blume, die du nicht kennst, gar nicht begreifen kannst. Und so hättest du recht. Und noch aus einem andern Grunde sogar wirst du recht haben, denn du hast den Verstand für dich, der dir sagt: ich lebe heute; also muß das Heutige mir wert sein. Ja, Georg, der Nüchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs Fluten hinabsieht und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit. Wen aber eigne tiefe Wallung der Stunde selber hineinriß in die Strömung, der hat nur das Jauchzen — nach vor- — und das Klagen — nach rückwärts, und morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome liegst und ich am Ufer stehe, wirst du mit meinen Worten zu mir aufjammern, und ich werde dich und mich Lügen strafen.“