Ich fand Bogner über einer Bibel am Tisch; er schien auf mich gewartet zu haben, denn er sagte gleich: „Da habe ich die ganze Schöpfungsgeschichte gelesen, und weißt du, was ich gefunden habe? Es werden alle erschaffenen Dinge aufgezählt, aber ein ganz wichtiges ist vergessen. Es könnte vergessen scheinen“, verbesserte er sich. „Wenn ich es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit erkennen. Ja,“ fuhr er eifrig fort, „angenommen, dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott erschaffen glauben, wurde bei der Aufzählung des von ihm Erschaffenen nicht genannt, was muß die Folge sein?“
„Daß er selber dies Ding ist.“
„Gut, Georg!“ Er lobte mich. „Und nun weiter: Was tat Gott, nachdem er den Menschen aus Lehm geknetet hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch? Dadurch daß er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser Odem?“
Ich sagte: „Die Luft.“
„Und die Luft,“ rief er, „die ist das Ding, das nicht aufgezählt ist unter den erschaffenen Dingen, wo doch Sonne und Sterne, der Himmel, das Meer und das Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezählt wurde. Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne Luft? Dennoch wurde die Luft für den Menschen, für Gott vorbehalten, denn der Mensch war für den Schreiber dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und das Leben kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst du wohl,“ fuhr er fort, „auf schlechten Bildern, Bildern, auf denen doch alles recht und deutlich gemalt ist, was scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie fehlt sogar auf den Bildern der einfältigen Meister aus Niederland und Köln, aber warum vermissen wir sie doch nicht? Weil sie nicht nur die Gabe hatten wie die nichtswürdigen lustlosen Maler von heut, sondern etwas ganz Einziges: den Fleiß. Einen so großen Fleiß und eine so große Sorgfalt, daß er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn im Fleiß war die Liebe, und in der Liebe“, schloß er triumphierend, „muß immer auch Gnade sein.“
Ich hatte Bogner aus dem Gedächtnis einige Gedichte von Stefan George gesagt, darunter zuletzt den ‚Tag des Hirten‘: Die Herden trabten aus den Winterlagern ... Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit werden; bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hüter zog nach kurzer Frist ... legte er das Gesicht in die Hände, und als ich dann schloß:
Er krönte betend sich mit heilgem Laub,
Und in die lindbewegten, lauen Schatten
Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ...
seufzte er dermaßen schmerzlich, als wäre ihm eine Welt untergegangen. Er sprach kein Wort mehr den Abend, und erst als ich schon gehen wollte, zog er mich auf einmal in die Arme, küßte mich und murmelte etwas, das ich nicht verstand.