„Du kannst doch auch dichten, Georg,“ sagte er dann, „du bist auch ein Dichter!“ Und hierbei beharrte er eigensinnig, obwohl ich es ihm lang und breit abstritt, daß ich wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei. Fast wäre er ärgerlich geworden. „Wenn du es weißt, Georg,“ sagte er, „wenn du weißt, wie es ist, wenn du Sprache hast, so mußt du es doch auch sein!“ beharrte er und wurde erst unschlüssig, als ich es ihm an Malern nachwies, die zwar das Handwerk hätten, aber doch nicht die Kunst.

„Das mag für Maler stimmen,“ meinte er dann, „aber doch nicht für die Sprache! Da sind Farben, Finger und Hände und Pinsel; was geht nicht alles verloren auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft hat und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles! Sie allein ist unmittelbar und enthält doch eins im andern das Beide, sonst so Getrennte: Vernunft und Gefühl, verschmolzen im Tönen der Seele!“

„Die göttliche Sprache!“ fing er nun an. „Ja, das ist das Wunderbare an ihr, das unterscheidet sie von allen andern Künsten und erhebt sie zur höchsten: daß sie so unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da ist der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein ist: Instrument. Die Öffnungen einer Flöte mit den Fingern betupfen, auf den Saiten einer Geige die Finger so und so stellen, mit dem Bogen so und anders anstreichen, — was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zähne drückt, die Lippen weit oder wenig, rund oder schmal öffnet? Und er tut ja mehr! Im Instrument ist der Ton, er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und Handhabung hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet das Wort, ganz und gar, außen und innen, Zeichen und Sinn, und wie aus einer Blume, so duftet die himmlische Seele daraus hervor! Und ist der Mensch selber das Instrument, so muß einer sein, der spielt, wer ist das? Der Gott. — Allem Alltäglichen, allem Irdischen und Menschlichen abgewandt, ganz hingegeben dem göttlichen Spieler allein, an seine Brust gelegt wie die Geige, — wie durchrauscht ihn sein Tönen! ‚Die Herden trabten aus den Winterlagern‘. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fühlst, ja, noch ehe du die Lippen öffnest, fühlst du schon: es ist ein Andrer, der dir den Mund öffnet, und nun wird eine andre Sprache ertönen, erkennbar an keinem besondren Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem allein, diesem göttlichen Anderssein, das du so spürst wie — wie wenn du schlafend auf einen Stern versetzt wärest und erwachtest auf ihm und wüßtest gleich beim ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der anderen Luft: du bist auf einem Stern. ‚Die Herden trabten aus den Winterlagern ...‘ Oh wie es da hervorduftet aus dem Unsichtbaren, wie am dunklen Morgen der Geist der Erdenkräfte schlafkühl duftet aus dem Schlummer der Geschöpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem man nur zu Stellen, wie den Kristall im Stein, das göttliche Dasein spürt, verkalkt, getrübt und unrein, ist Lästerung des Gottes, Georg, Vergiftung des Gottes, und sie wird sich rächen und die Seele dessen vergiften, der sie beging!“

„Du meinst mich“, sagte ich hierauf.

Aber nun wollte er es nicht gelten lassen.

Ich saß hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die Ellenbogen auf der Platte, die Hände übereinander gelegt und das Kinn darauf, und so rauchte ich, und wir schwiegen. Auf einmal lächelte Bogner. —

„Warum lächelst du?“ fragte ich.

„Ich lächelte über dich“, gab er zur Antwort.

„Du hast nämlich“, fuhr er auf mein Ersuchen fort, „mitunter eine so erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen. Mitunter, wenn du die Zigarette aus dem Munde nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor, wie zum Saugen, und dann lösest du das an der Lippenhaut klebende zarte Papier langsam ab. Dabei saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach einer Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen Seufzer.“

„Gott segne deine Augen, Bogner,“ erwiderte ich, „und was soll das alles?“