„Ja, aber was ist es denn, mein Gott?“
Er sagt: „Die Geburt.“
Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder ins Gedächtnis kommt aus den ersten stillen Tagen dahier.
Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne oben auf dem Deich über der Ebbe des Meers. Zwei Tütvögel, die unsre Anwesenheit erregte, kreuzten unaufhörlich über uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er über uns war, anhaltend und mehrmals seinen mißtönigen Klageschrei ausstoßend, — der einzige Laut in der Stille. Ich lag auf meinem Mantel, die Füße in der Richtung der unsichtbaren See, die Hände unterm Kopf, im linken Augenwinkel, mehr gewußt als gesehn, den Schatten des sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten — nicht das erste Mal — von Ulrika gesprochen, und er deutete mir wieder Züge ihres Wesens und das Ganze auf eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte, was er mir später ‚gestand‘, wie er sagte, das Geheimnis seines und ihres Lebens und Sterbens. An jenem Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben, vor Jahren, eine Frau so geliebt, daß er fast daran zu Grunde gegangen wäre; „und das“, sagte er, „schien mir später zuviel für einen Menschen, dessen Auftrag es nicht ist, Menschen zu lieben, sondern —“
Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig zu ergänzen, indem ich sagte: „die Kunst.“
Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun sein eines Auge im Dunkel, der See zugewendet in einer Haltung des Kopfes, die mir besonders verzweifelt erschien.
„Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf?“ sagte er dann. „Glauben Sie, einer wie ich — liebte die Kunst? Denken Sie bitte einmal an das, was Sokrates im Gastmahl Platos feststellt: daß man liebt, was man nicht hat. Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist: die Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das ich noch nicht gemacht habe.“
Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene, wie daß Kunst selber eben die Liebe sei, die alles, was sie nicht habe — ewig und ewig die Form — mit solchem Wahnsinn begehre, daß sie es darstellen müsse.
„Ja, den Dämon,“ sagte er leise, „wenn Sie den meinen, — den Dämon, der treibt und widersteht, den liebt man ja wohl.“
„Und übrigens“, fuhr er nach einer Pause gequält fort, „habe ich Sie eben belogen. Früher war das so. Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe ich die Kunst, die ich nicht mehr habe, und den Dämon erst, der mich verlassen hat, weil ich ihn verließ und zu Menschen ging.“