„Bogner,“ sagte ich und legte die Hand auf sein Knie, „Bogner, das ist doch nicht wahr!“

Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flügel, Weißes vom Vogelleib fielen aus der Nacht herunter, deutlich scholl der Notschrei. Bogner ergriff meine Hand und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit dem Kopf und sagte leise und geheimnisvoll:

„Wenn es einer begreifen könnte außer mir, — was wäre es dann?“

Meine Hand ließ er nicht los. Ich fand kein Wort, und er blieb verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest, daß es mich jammerte im Herzen, bis wir dann aufstanden und ins Haus hinabstiegen.

(Cornelia)

Bei einer Wanderung, auf langer Straße im flachen Land, kann es uns wohl begegnen, daß wir in weiter Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas Menschenhaftes gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile, während der wir ihn im Auge behalten, sich nicht verändert noch deutlicher werden will. Vergaßen wir ihn dann lange Zeit über andern sehenswerten Dingen umher, so gewahren wir ihn plötzlich gar nicht weit von uns auf einer zur unsern heranführenden Straße, deutlich genug, um ihn an Gang und Kleidern als einen Menschen, wie wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er vielleicht keine drei Schritte vor uns unsre Straße, hält an und erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen genug an einander, zusammen zu bleiben für ein paar Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm, oder auch er erscheint uns sehr merkwürdig während der nun gemeinsamen Wanderung, und schließlich fällt es uns wohl zu unserer Verwunderung ein, daß wir hier zusammen gehn und gut Freund sind mit jenem Punkt, den wir vor zwei Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Möglichkeit einer Beziehung für uns wert hielten.

Es sind heut Jahre her — nach der gewöhnlichen Berechnung nur Jahre —, da sah ich Cornelia ganz von fern, nicht deutlicher, als daß sie zu erkennen war als ein weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner Straße heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig Schritte vor mir meine eigene Straße betreten, ich gewahrte sie schon deutlicher, so daß, wenn wir etwa am Vormittag zusammen um den Deich gingen, heut, oder morgen am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder einer las vor und wir lauschten: daß ich dies und jenes schon sicher an ihr wahrnahm: den Schnitt ihres Mantels, die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr Haar, ihren in den Fußgelenken schwingenden Gang, ihre länglichen Hände, die Lockerheit des Daumens, das Rund ihrer Augen und ihren Blick. Langsam bildete sich so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns nun entschlossen hatten, nebeneinander zu gehn, — erkennbar schon als ein Ganzes, obwohl noch manches Stück fehlte und zwischen den vorhandenen die Risse und Fugen noch ungeheilt schimmerten. Aber sie heilten, denn nun kam auch Teilnahme, das formenschaffende Gefühl, ein Wesen bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen wohltat, den fünfen und jenem unbekannten, nicht mit Namen zu nennenden, jenem Tastempfinden von Mensch zu Mensch, auf dem alle Möglichkeiten und Beziehungen der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern Menschen atmen läßt wie ein besondres Arom in unserer Luft, und in dem dann bald die süße Flamme Ähnlichkeit sich gläsern erhebt, wie die Flamme der heißen Mittagsluft überm Wachholder der Haide, — sie zeigte sich über Cornelia.

Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie mir, meiner Veranlagung gemäß, vor allem: hübsch, und es deuchte mich angenehmer, beim Gehen die Hand in ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war bereits immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war; was man sagte, dem hörte sie gut zu und gab die rechten Ergänzungen oder Erweiterungen, und so man nicht sprach, war sie’s auch zufrieden und schwieg. Sie war nämlich bereitwillig.

Morgens kam sie selbst mit dem Frühstück, ich lud sie zu bleiben, und sie blieb, dann stellte sich heraus (nämlich ich mußte fragen, von selbst gab sie nichts preis), daß sie selber noch nüchtern war, und nun mußte sie ihr Frühstück mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so erwarteten wir gemeinsam am Strande das tägliche Boot mit meinem Kurier, dort trafen wir den notwendigen Hauptmann, standen in unsern Mänteln und hochgeschlagenen Kragen gegen den Wind gedreht, froren erbärmlich und sahen uns gegenseitig immer röter anlaufen.

Nun und so weiter ...