Eros mit den Löwenfüßen,

Eros mit den Geierschwingen,

Eros mit dem Fackelantlitz

Donnerte ans Tor.

Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die Augen auf, und ich erkannte, daß sie weiblich war.

Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick Worte oder Handlungen ein, die sich auf keine Weise besser begleiten ließen oder gar ausdrücken als durch einen Kuß, und ich küßte sie zum Dank, daß sie das Frühstück brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengruß, beim Klettern über eine Buhne, beim stillen Hinaussehn über die See, kurzum bei jeder Gelegenheit. Küssen ist, wie wenns regnet; erst wenig, dann immer mehr.

Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen, mit mir zu frühstücken, mit mir spazieren zu gehn, sich vorlesen zu lassen, lange mit mir zusammen zu sein, schließlich auch sich küssen zu lassen und wieder zu küssen. Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen mochte. Sie äußerte nichts, außer auf Befragen. Und dies mocht ich nicht fragen, denn dann hätte der immer noch in der Entwicklung sich windende Satz plötzlich ein Ende genommen, ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder Punkt, — jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer hätte begonnen. Ich dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern rund, wie zum Beispiel auch den Mond, von dem man weiß, daß er rund ist, obwohl scheinbar eine Sichel. Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien immer mit allem zufrieden.

Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner Tür, ausgewiesen nämlich vom dortigen Eros. Unwandelbar dröhnte der Ozean. Das Tal unter mir schimmerte mattweiß, eine dünne Schneedecke war drübergefallen, es rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur Rechten zwei rötliche Rechtecke — die erleuchteten Fenster in Bogners Haus; in der Tiefe mir gegenüber ein gleiches. Dorthin ging ich; nicht daß ich erwartete oder verlangte, aber — was konnte nicht möglich sein?

Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht, sie sind Wink. Ein roter Becher bei einem brennenden Leuchter ... nahe darunter ein niemals vergehendes Lächeln. Jedes Lächeln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt über den Lichtern? Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen, heut wieder zusammen; so stellten sie sich mir dar.

Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dünn schneeüberzogenen Gemüsefelder an das Fenster, das zu ebener Erde liegt, und schaute hinein. Irgendwo stand ein brennendes Licht. Der Raum war klein und niedrig. Sie stand vor einem geöffneten Kleiderschrank, hängte eine blaßrosa Seidenbluse über einen Bügel, diese in den Schrank hinein und schloß die Türen; lautlos, denn in der Nacht brüllte der Eros über die See. Da klopft ich ans Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl: Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen? Sie antwortete dies und das; wir küßten uns dann wohl.