Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen, mußte vor Renate hintreten und fragen, indem er ihre Hände ergriff:

„Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich hier unter Trachten und bei Festen herumtreiben kann und heute nachmittag die Verantwortung für ein ganzes Volk auf mich nehmen soll?“ —

Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen dicht über dem ihren, sah ihn nur gut an und antwortete nach einer Weile, ihm zu helfen: „Ist es nicht auch Ihre letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal gestaunt,“ fuhr sie leise fort, „wenn ich im stillen bedachte —“ sie lächelte, da seine Züge sich schon glätteten, „— was Sie auf sich nahmen, aber — nun, Sie haben das Herrschen wohl im Blut ...“

Was hatte sie gesagt? — Er zuckte zusammen. „Im Blut ...“ wiederholte er tonlos, „nicht im Blut, Renate ...“

Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend über ihn: „Ich weiß ...“

Gleich warf er den Kopf auf. „Sie wissen? Ach, dann ist es gut, dann ist es gut! Und Sie verstehn mich doch?“ Sie nickte. „Papa hat es Ihnen verraten?“ Sie nickte. „Aber ich habe gelogen vorhin,“ murmelte er beschämt, „als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,“ fuhr er glühend und eifrig fort, „mir ist so unbeschreiblich heute ums Herz, so wild und zugleich sanft und kühl, kräftig und wunschlos und glücklich, nur eins fehlt, nur eins müßte man können!“ Er hob die linke Hand und ballte sie: „Sein können, was man ist!“ Er trat zurück, wies mit leicht gebreiteten Armen auf seine Tracht und sagte: „Wie locker und gewandelt fühle ich mich nicht schon durch diese Kleider, und doch — von der göttlichen Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, ich kann mich nur fühlen, geben kann ich mich mit keinem Blick, keiner Geste und keinem Wort, wie ich bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt genug dazu, aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, Weste und Stiefel und alle Allüren meiner großstädtischen Erziehung, die nur zum Verbergen da sind, nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen. Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich ein Schwärmer gewesen, ein Dichter, jedem ins Gesicht hinein und — aber genug!“ er brach ab. „Jetzt will ich siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, Heliodora, Sonnegabe, Zwölfhundertund —“ „Siebenunddreißig,“ ergänzte Renate lächelnd. „Nun wollen wir uns umsehn!“

Mummenschanz

Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor Augen, dahinter die Äcker, Roggenfelder, wogend in reifem Gelb, dahinter den grünen Traum der Hügel und ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und Neubauten, flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt sah er mit Freude die weiße Straße unter schwer tragenden Kuppeln der Fruchtbäume weithin betupft mit leuchtenden Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz vorn heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem zwei Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm, damit sie es auch sähe.

Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder nur in seinem Gehirn? Ein weiter Ring von sanft hallendem, ruhigem Glockengeläut schien ihm alle Fernen zu umschließen, — darinnen war tiefe Sommerfülle, — nein, es klang wohl doch nur in seinen Ohren, — aber waren nicht alle Weiten erfüllt mit heiter schwirrender Musik? — Ah, Mandolinen und Gitarren, sie kamen auf der Landstraße heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die Pferde seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit ihr zur Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von den Schatten der Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne der Landschaft, und dort flackerte es bunt, rot und gelb. Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein braunes Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf, das Kinn vom stahlmaschigen Halskragen umschlossen, im grauen Kettenhemde mit anliegenden Ärmeln, die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen Strümpfen, — die Vermummung eines Feldgendarmen, der für Ordnung zu sorgen hatte. Wieder nach links schauend, glaubte Georg in der Ferne, von der Stadt her, hinter den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes mit einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, dann auch einen Reiter in Weiß und Grün; das waren die Pferde. Er zeigte sie Renate.

Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen der Wandrer im faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, ein rüstiger Greis von fünfzig Jahren in schönen, grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen Strohhut auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb er stehn und starrte, Augen und Mund weit offen, auf Renate. Georg lachte.