Hollahehaho!
Hel—io—do—ra, lächle mal!“ damit kamen sie taktfest vorüber. Georg wollte sich umdrehn, um Heliodora lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar überritten worden, sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht eines Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart und funkelnden schwarzen Augen, der lachend sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im Bogen umtrabte und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu — erfreut vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und Ellbogengelenken —: „Wer sind Sie?“
Mit schallender Stimme: „Rittmeister Freundlich, königliche Hoheit, vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger zu Pferde!“ rief der Trabende winkend zurück, und da schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg vorüber, Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am Sattelbug, aber das rosige Gesicht war umflogen von langem, braunem Haar, eine Frau wars, und „Ich bin seine Frau!“ rief sie strahlend, aber da war die Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote schwitzende Bauerngesichter unter den Helmen, auf und nieder, auf und nieder im englischen Trabe, nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und wogendes Wippen in den fesselartigen Eisensätteln, Geklirr und Geklapper, zwei hüpfende Reihen dunkelgrauer Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der Spitze nach einem der offnen Mundes anstaunenden Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen, scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; die reitenden Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber, reitende Schatten verschwanden in weißem, wolkig steigendem Staub, und von den am Straßenrand aufgestellten Musikanten waren schwirrend und rauschend die heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen Georg ins rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen, und eins der Mädchen, das in Schieferblau mit violettrotem Rocke, sah aufs Haar wie jene Riemenschneidersche Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel auf den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte sie Georg mit Erröten und Knicks und Lächeln, denn nun wußten sie ja Alle, wer er war.
Ritt
Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel staunten, Georg staunte, Renate staunte höchlich. Unkas ging, bis zu den Hufen vermummt im steifen Umhang dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und Ornamenten, was aber neben ihm schwebte, das war die silberne Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer Kopf und Nacken unter breitfallender, gewellter Mähne und starrer Deckenumhang von silbernem Brokat mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach, ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, blauen, silbergestickten Säumen hoben sich und traten die versilberten Hufe. Die großen, braunen Augen aber blickten aus vergilbten, faltigen Lidern fremd und fromm wie die eines Fabeltiers. — Renate, ganz gerührt, bedankte sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung, er aber lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts, aber jetzt wüßte sie wohl, was ihrer noch wartete ... Ferdinands, des Reitknechts, blankes und schurkisches Gesicht — wie das aller Reitknechte — fuhr dazwischen, er schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne Wappen in Metall. Er führte den Schimmel vor, aber nun stürzten sich sämtliche Wandervögel auf den Steigbügel, einer stand ab nach Kampf, nahte sich ritterlich Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie ein kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, Georg fragte, ob sichs gut sitze, Renate fand, sie sitze weich wie in einem Heuberg, und Georg saß selber auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist dermaßen in Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange; er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, es drängte ungestüm gegen die Schimmelstute, sie stob schnaufend auf und davon, Georg folgte, Unkas mit voller Armkraft in die Trense nehmend, aber das half alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den locker laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend, die linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak leicht und galoppierte weiter, aber Georg, Unkas zurückreißend, merkte, daß der die Trense aus dem Maul genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg ab, schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder auf und folgte einem Hauch von Blau und Silber oben auf dem Hügelrücken, den die Landstraße überstieg.
Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte eine breitere Chaussee heran, über und über bedeckt mit farbiger Bewegung, Kavalkaden von Edelleuten und Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten ihrer breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten heran, geschmückt mit Kränzen, unter wallenden Bannern, gefüllt mit schmetternder Musik und Scharen buntfarbener Männer und Frauen in weiten Mänteln, die sich blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden, grüne, weiße, rote Strümpfe, bekränzte Mädchen. Stimmen, Zurufe, Scheltworte und Gelächter schollen, der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht wie himmlische dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, Felder in breiten gelben Wogen, Wiesen, kleine, dunkle Haine über Gehöften, — eine Augenlust unbeschreiblich. Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter, vorbei am rollenden Strom der Wagen, Rosse und Wandrer, an Geharnischten zur Seite, die aufrecht Wache hielten; um ihn sauste die Kälte der durchschnittenen Luft, hinter ihm weg schnellte fortgerissen das schreiende Bunt gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und birnengrüner Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd, schwenkte großartig von rechts nach links an kurzem Fahnenstiel ein ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes Banner mit grüner Bewimpelung an der unteren Kante, — dann war die Straße vor ihm leer und weiß, in der Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen Nähe etwas Blutrotes, das Georg im Näherfliegen als zwei Beine in blutroten Strumpfhosen erkannte; auch die linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so blendende Blitze von Silber schleuderte, das war — es war ein riesiges Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter Schneide. Ein Henker. — Neben ihm trabte der Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen schwarzen Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners langes, graues Gesicht. „Halloh, Bogner!“ rief Georg, „machen Sie den Henker?!“
Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick mit hurtigem Satz seiner langen roten Beine neben Renate auf den Reitweg, und Georg verstand nicht, was er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und schallenden Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll Musikanten und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und mit blitzenden Amtsketten, vorbeigerollt, ein zweiter dahinter voll von lustigen Matronen, ein dritter gefüllt mit Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis zum Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener Hühner, Enten und Tauben, Becher und Gläser und sangen „Weg mit den Grillen und Sorgen!“ daß es in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich wie auf einem Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen Kruppe ihres Pferdes saß Rücken an Rücken mit ihr ein kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun, der hielt das Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige Bogen hinter ihr stand.
„Ist es schön, Renate, ist es schön?“ schrie Georg überlaut.
Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten Hand mit dem Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des Pferdes, in der Linken im Schoß die Enden ihrer Zöpfe und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte. Bogner getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm an den Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser Halt in all dem Lärm und Getriebe, der bunten Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen, zumal in den letzten, stillen Jahren.
„Seht ihr die Burg?“ schrie Georg. „Bogner hat sie ganz neu aus Pappe gemacht!“