Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren Plattform, weit ausgebreitet, schwer Falten schlagend, die blauweißgrünen Banner standen; dazwischen graue Mauern mit mächtigen Streben und breiten Zinnen, fast so hoch wie die Türme selbst.

Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße, von zwei Geharnischten bewacht; dahinter führte ein Feldweg zur Burg, der im Bergwalde verschwand. Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und öffnete die Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben.

„Sie sehen so schön aus, Maler,“ sagte Renate leise, „es ist schade, daß Sie sich nicht immer so kleiden können. Haben Sie die Gesichter der Menschen gesehn, wieviel freier, leichter und schöner sie alle geworden sind durch die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens wie ein Minister.“

Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters Freundlich und gab Renate eifrig recht. — Es ging bergan, die Sonne glühte schon, doch nahm jetzt der Wald sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen Wölbungen auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren und den herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden Pferde rauschten im braunen Laub, Georg saß, träumerisch bewegt vom Schreiten des Pferdes, im Schweigen lauter tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau, hörte im Traum einen schneeweißen Wasserfall rauschen und murmelte sich trunken zu, das sei der Schweif von Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume, wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen, lächelte er, all dies geht vorüber, der Nachmittag naht Schritt vor Schritt mit dem Ernst, mit der Last, mit der Sorge, dann werde ich glücklich sein, all dies gesehn zu haben, und Renate — Renate —, die Gedanken verließen ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern und ringsum die Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten, Trupps lediger Pferde, langhalsig angelnd mit dem Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen wandelten umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und waren allesamt unsterblich guter Dinge.

Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom Pferde, sie konnten keinen Schritt weiter, denn der Hof war vollgepfropft mit essenden Menschen. Georg sprang ab und versuchte, sich zur Schenke durchzudrängen, wurde alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und hinten ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die ihm Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten und bettelten: „Von mir, königliche Hoheit, bitte von mir!“ oh es war herrlich! So viel er fassen konnte, teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber, was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen Backen bald versichern, von jetzt ab nähme er nur schon Vorgekautes. Eine Weile später, umringt, lachend, scherzend, immer ausgelassener, hatte er dunkel das Gefühl, in einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu sein, plätschernd in allen Becken, und deren Ränder waren dicht besetzt mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander schwatzender, flatternder und zwitschernder Papageien, Kolibris und Eisvögel, oder was es sonst ganz Buntes gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen, und schon toste herum die gewaltigste Aufregung; Alles rannte gegeneinander, bekämpfte sich, rang, umschlang und entwand sich einander. Geschrei, Gekreisch und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann? — Mein Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken ja an meinem Hut fest! Und eine ungeheure Baßstimme sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee bezahlen lassen? — — Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins Freie geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde ich Renate? wo ist Unkas? Unkas stand da, Ferdinand dabei, das gnädige Fräulein, hörte Georg, wäre schon fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem Reitknecht, sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten, gab es auf und lenkte den Abhang hinunter und im Bogen auf den Waldrand zu. Die Buchenzweige zur Seite stemmend, gelangte er ins Freie.

Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter Fächer, aus Georgs Augen so gewaltig nach allen Seiten dahin, daß er taumelnd nach Himmel und Gewölkedunst griff, um sich zu halten, und er schaute ...

Ausschau

In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden, Westen und Norden hin, nicht zu ermessen mit Augen, lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen geschoben, hineingefügt azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem Golde, grüne Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel der sich rötenden Haide, lagernde Bergrücken in den Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu Füßen seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit ringsum, sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig leer, im farbenreichen Kranze der Tribünen und Zuschauerringe, und bemerkte nun auch ihre Riesigkeit, denn von hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und Gemenge von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die vielen großen Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern gesammelt, knatternd und schlagend über den glänzenden Tribünendächern, schienen wie Taschentücher klein. Ringsum in dem bunten Kranze lief ein ununterbrochenes Glitzern, Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen Metallspitzen und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich rundum, viele rote Tupfen flammten auf einmal an jener Stelle hervor, plötzlich war alles weiß gesprenkelt, und immer wieder strahlten das Blau, das Weiß und das Grün der Landesfarben hervor, — keine schöneren kann es geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün der Natur und das schöne menschliche Weiß. — Er entdeckte nun auch den zum Walde den Hügel hinansteigenden Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den größten Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei unterscheiden: Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe, das Rosige von Händen und Gesichtern, und er sah Männer und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr leises Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken vorbeugten. — Unsichtbar blieb ihm das obere Ende des Damms hinter dem Vorsprung des Waldrandes, er trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich wie manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche am Rand eines stillen, wehenden Haferfeldes entlang schritten. — Noch einmal ließ er die Augen ins Weite schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten groß unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab aus Lüften mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft zu sich herauf das Unerkennbare: die Schwärme von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen, Halsausschnitte in violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten, die schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme trugen, und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich bogen, im Stuhl sich drehend, nach oben sprachen zu Männergesichtern, die sich neigten, — und er schnellte ab und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie über einen faltig rauschenden See, — und siehe, etwas noch Ungesehenes war da, nämlich ein dunkel herwandernder Strom von Geharnischten, der aus der Ebene kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach überhüpft vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel und den winzigen Segeln der weißroten Dreieckfähnlein. Tausend Pferdeköpfe bewegten sich nickend, die Gesichter der Männer glühten in Staub und Schweiß, — alles sah Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels, aus denen die vier Zügelriemen flossen, sah die Beine in Stahlmaschen, die ledernen Bügelschuh der Lanzen und unten im Schatten das wirre Durcheinander der braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze Beuglenburgische Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte Georg im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd, oder der einziehende Beuglenburgische Heerbann.

Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die Fanfare, Georg sah und erblickte undeutlich, hinter einer langen Reihe dunkelgrauer Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: Waldinneres, wie ein Bild, angefüllt mit Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben, ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle oder Äbte auf Maultieren. Die Reihe der Berittenen setzte sich eben langsam talwärts in Bewegung, alsbald begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd den Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten, entfalteten sich durch den ganzen Durchmesser der Arena und hielten auf einen Ruck in langer, loser Reihe. —

Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt — wo war Renate? — Im Grün des Waldes und der Menge sah er ein braunes, südliches Gesicht auf dem Grund eines weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten Trompeten viereckige Standarten von dunkelblauer Seide mit silbernen Fransen. Die Klänge prasselten lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, — ah, die Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle, — und schon löste es sich vorn heraus, in grandiosem Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers, vorsichtig schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen Wappen und Verzierungen, auf dem Rücken einen schwankenden Turm von Weiß und Gold: der Erzbischof, ein faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und starke braune Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der Klerus, eine erlauchte Schar von hundert Berittenen, Mönche in weißen Chorhemden mit handbreiten goldenen Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer Leinwand, da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und Stolen funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett loderte dazwischen, Decken von weißem Samt, von Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit schwarzen Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich zufrieden, und alles umrahmten, umwallten und trugen die langen Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen. Es schwankte zu Tal.