Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, sein Herz tobte nach ihr, wieder war da eine schwarze Mauer Geharnischter, zwanzig Rappen bewegten sich und stiegen Schritt vor Schritt bergab, — da — ach, da war sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich, mitten im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der Ritter, Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen Pferd, jetzt weit umwallt von dunkelroten Mantelfalten. Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe entwogte der glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu den Füßen. Er sah auf, — das silberne Pferd bewegte sich und schritt vor, langsam, beseelt von seiner Einsamkeit und sehr stolz; es tänzelte leicht seitwärts, Georg sah Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem Schritt des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, — aber jetzt, unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den Kranz der Menschen gefahren, ein Brausen, erst dumpf, dann heller brandete herauf, alle Fahnen wankten, senkten sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um Wellen von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen Tüchern, Hüten, Schleiern, Händen jagten sich im Ring, Musikchöre schmetterten hoch auf, unerschöpflich toste der Jubelsturm, — unendlich einsam und königlich trug das kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam, langsam — in die Ebene hinunter.
Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten. Er glaubte nicht, was er sah, fühlte sich nun vom Getümmel des Gefolges aufgenommen und ritt, sich selber unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im Traum, Renate nach.
Traumspiel
Ja, nun war der Traum vollkommen.
Georg hielt zu Pferde — weshalb zu Pferde? — und wie war dies Pferd vermummt! aber es war Unkas! — in fremder, grün und weißer Tracht — warum in fremder Tracht? — inmitten einer dichten Menge von Frauen und Männern zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, neben ihm, vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie das andre, allesamt unbeweglich gradeaus eingestellt waren. Es erinnerte seltsam an das teilnahmslose Beieinandersein der Menschen auf der vorderen Plattform eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was ging hier vor? Wozu war er, waren all diese versammelt?
Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus Bäumen und Gebüsch, aus verzauberten Menschen; traumhell brannte Sonnenglut herein, und alles beschattete sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen kurzen, mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel und die runde Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes, die Wurzel des Schweifs und die rote Schlinge, aus der er wuchs, den Schweif, — wie still er hing auf die starken Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den Hufen stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf seinem vorderen Rand, und dies Bein war gewinkelt; am andern Huf glänzte noch ein Streif der schwarzen Wichse durch den Bezug von Staub. — Und nun, unten wandernd mit den Augen, sah er überall dies andre, dies untere Leben, das für sich war, ganz für sich allein und im Schatten, Pferdebeine und Hufe überall, große Decken, verändert durch das Dunkel, grün und braun und gelb leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke, einen roten, einen grauen, einen violetten, sah die Linien der Pferdebäuche, Gurten, an deren Rand das eingeschnürte Fell manchmal zuckte, und die prallen, runden Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich stampfend auf im Gras, — und dort im winklig verhängten Schattendunkel von Kleidern und Decken kam eine weiße Frauenhand nach unten, tastete in grünen Falten, raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein leer hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel, stieß daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, Fuß und Bügel waren völlig fort. —
Diese Stille! — Aber sprach nicht jemand, ganz allein?
Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich ganz hoch und im Freien. Ein paar Gesichter links und rechts drehten sich, blickten nach ihm. Fern drüben, wie eine Blumenterrasse, war die Tribüne, menschenvoll, noch eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend Farben und Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel war; darüber glänzten wie Silber die Dächer; schlaff hingen die Fahnentücher, unkenntlich.
Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger Pferde stand dort, alle Zügelriemen liefen zusammen in die Hände zweier Menschen, die rot und weiß gestreift waren von oben bis unten, sich anstießen und unterhielten. Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den Topfhelm im Arm, etliche knieten; mit jedem zog im Grase sein kurzer Schatten und machte jede Bewegung mit, manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in einer unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat vor und verbeugte sich; ganz schnell, als müßte er eher fertig sein, tat sein Schatten dasselbe.
Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, — und sieh — — ganz nahe zur Rechten, erschreckend nahe, über ein paar Reiter hinweg, sah er einen großen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß in einem Stuhl mit hoher Rückwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas zurück, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit gewahrte Georg den Erzbischof zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel seiner Kirchendiener.