Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe. Jählings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, daß er vor Bestürzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte ein paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung, alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. — Aber da, ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten bekräftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern waren. Einmal — wie war es doch? — das große Hurra, etwas vom großen Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ...

Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also paß auf! Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen auf einer großen Wiese vor Altenrepen ein Bündnis. Aber die Beuglenburger verlangten, daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte, denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von der Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden würde, und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor ... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr müde im Kopf, er schloß die Augen, öffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war blendendes Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen ihm riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte er nicht weit von sich entfernt, mitten im Gedränge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich doch nicht, ganz wie — wie — wer war es denn? — Renate? — Nein ... Dora! Dora Vehm ...

Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhöhe nahe dem Walde, ein Geharnischter näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte um. — Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate.

Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie zu, dabei immer müder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab, unendlich fremd und hoffärtig, — aber langsam kehrte Blick und Erkennen zurück, die Starre schmolz, doch waren die Züge noch ohne Bewegung, als sie das rechte Knie über das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg anzurühren.

Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt, wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Müde und Seligkeit umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die großen Perlen des Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte, daß sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr, über Georgs Schulter hinweg gerichtet.

„Was ist denn?“ flüsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da, neben einem weißgolden flimmernden Mönchshaufen, stand einer der schwarzen Gugelmänner aus seinem Traum. — Ach, Unfug! schnob er innerlich, das ist ja Zuf— und sah im selben Augenblick, daß Renates Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz.

„Es ist ja ...“ murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache Hand und winkte.

„Wer?“ fragte Georg; er hatte nicht verstanden.

„Saint-Georges“, wiederholte Renate, völlig wach. „Ach, bitte, Georg — — ja, wie stehn wir denn da?“ fragte sie erstaunt und trat ohne weiteres Befremden zurück. „Bitte,“ fuhr sie fort, „gehen Sie hin und sagen Sie ihm, er möchte — ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt im Burghof auf mich warten.“

Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Müdigkeit, suchte unwillkürlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn, gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu.