Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten der Stute eine Trense in weißem Halfter an, in deren Ringen dünne und viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf schönen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.
„Bitte, wollen Sie nun —“ hörte Renate den Schauspieler sagen. Sie griff in den Halfter und führte die Stute einige Schritte gegen den leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich unsicher: „Ja, nun mußt du laufen!“
Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor, blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte sie ab, flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach, aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlängern, und schon, gedankenschnell, war der weiße Ball durch die leere Hälfte der Arena geschnellt, auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse hinab und draußen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit zurück, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. —
Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. Sie wandte sich zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weiße Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über den fernen Erdrand heraufklimmen.
„Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter reiten mußte,“ sagte sie tief in Gedanken, „oder vielmehr —, da hörte etwas auf. Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich weiß nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermeßlich weit, aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weißen Wolken, und wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach — —, sehen konnten sie, wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, — ja mit Eis anfüllte. Ich mußte mich zusammenraffen — furchtbar!“ Sie lächelte und fuhr eifrig fort. „Da konnt ich denn freilich merken, — das heißt, weißt du, ich merke es erst jetzt, — wie wenig ich in Wirklichkeit allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen, Erinnerungen und immer doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche auf dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz gewesen sein. Und erst unten, weißt du, — ja, was lachst du denn?“
„Ich lache, weißt du,“ sagte Ulrika, „weil du, weißt du, immer weißt du sagst!“
„Sage ich das? Ja, weißt — nein wirklich! — aber da kannst du sehn, wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten, und nun wußte ich doch auch, daß sie mich wirklich sahen —“
„Ha,“ unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, „das hast du doch gemerkt!“
„Ich habe es gefühlt, du Närrchen,“ sagte Renate lachend, „aber ich weiß es erst jetzt!“
„Ist das ein Unterschied bei dir?“ fragte Ulrika verwundert. Renate sah sie an. „Ja, bei dir etwa nicht?“