Ulrika schien innerlich zu kämpfen. „Du magst recht haben,“ gestand sie endlich, „aber — wenn es so ist — dann —“
„Ist es unsre ganze Macht“, funkelte Renate. „Nein, weißt du, sie rissen mich in Stücke mit ihrem Lärm.“
„Und das war das Grausige?“
Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die Achseln. „Das Schöne“, sagte sie leise. „Es war nur noch Brausen, ich war wie — weit fort, und doch war ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das einmal erlebt zu haben, — ein zweites Mal ...“ Sie schauerte.
„Und den Festzug hast du noch vor dir“, neckte Ulrika.
Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn:
Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge,
Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...
Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? — Nein, und — nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den Dargestellten, sondern auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden? Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. Aber das war nun so ihre Art ... Die Augen öffnend, rief sie: „Sieh nur, was kommt da?“
Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein großes, braunrotes Pferd dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, — ah, es war der Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam aber dann in großen, heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe, nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, — jedoch in der Tiefe ward jetzt wieder das weiße Pferd sichtbar, das unter einem Reiter leicht zwischen den Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse der Edelleute. — Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht, das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. Endlich konnte er mit heller Stimme rufen: „Sie kommen! Der König kommt! Es lebe Heliodora!“