Charfreitag ... wiederholte er gleich darauf leise. Das erschütternde Wort hatte ihm schon als Kind feierlicher und fremder als jedes andre geklungen, und ohne seinen Sinn zu begreifen, machte es, wenn man es sagte, gleichsam eine Lücke in das ganze Jahr; es lag Schatten auf ihm fremder biblischer Erinnerungen, — und später im Leben der niemals ganz zu begreifende Schauder: Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte, die Gräber taten sich auf ...

O Christus, warum bist du gestorben? Für wen, für was starbst du denn? — Georg suchte vergebens, dachte: Wegen des Leidens ... Nein! Wegen der Schuld? Ja, oder Erbsünde sagen sie, was ist Erbsünde? Nein, ist das wahr? Wäre das möglich? Er litt, um die Erbsünde aus der Welt zu schaffen, aber wir sündigen nach wie vor, und was soll denn geändert sein? Wir sündigen und wir leiden. O lieber Gott, wenn wir auch Sünder sind, ist es nicht so, daß selber der grausamste, der teuflischste von ihnen mit unaussprechlichem Leiden tilgt, und also was brauchte es Christus? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Es wird immer verworrener. Übrigens sind das Lehren, die nur die Andern aus seinem Leben und Sterben gezogen haben, und vielleicht haben sie alles gefälscht. Ich müßte nachlesen, aber ich glaube, ich habe selbst die Verfälschung bereits im Blut und würde ganz andres herauslesen, als was dasteht. — Er grübelte weiter.

Hat er nicht allen Sündern Verzeihung und Barmherzigkeit verheißen? Was verlangte er denn? Liebe und wahres Empfinden! Daß man sich reinige, daß man strebe, daß man still und einfältig sei wie die Kinder, — aber die alles aufschrieben, schilderten Engel und Engelstimmen und Tauben, und er selber sprach vom Himmelreich so, daß man doch glauben muß an — an ein Jenseits und — — Seine Gedanken irrten ab, die Briefe Paulus’ durchschweifend auf der Suche nach einem haltbaren Wort, aber — ich glaube, dachte er, schon Paulus hat alles in Verwirrung gebracht.

Darüber endlich unwirsch geworden, mußte er heftig gähnen, empfand sich so müde, als ob er nicht eine Stunde geschlafen hätte, und erinnerte sich mit dem Gedanken an Magda, ans Frühstück, Renates.

Die litt auch. Sie weinte. Es war unvorstellbar. Er wußte nur wenig von ihr, nur daß sie Furchtbares erlitten hatte, doch sollte sie ja ganz wieder gesundet sein ... Dann hatte sie eine Sehnenentzündnng am Fuß. — Früher, dachte Georg, hätte mich das, wenn mans mir mitteilte, ungefähr so betroffen, wie wenn man einem Griechen gesagt hätte, Artemis habe Sehnenentzündung. Sie war keine Göttin, wars nie gewesen, wars weniger heute als jemals, sie war hülflos, und er — liebte er sie immer noch? Beinah hatte er sie doch vergessen, nun begann ihr süßes Gift wieder zu wirken, und er sehnte sich nach ihr, trostlos, aber er sehnte sich.

Neun Monate ist es nun her, dachte er, daß Vater starb. Allein — liebte sie ihn überhaupt? — Er verbot sich diese Gedanken und empfand um so stärker die keimende Hoffnung.

Alsbald entschloß er sich, sie zu sehn, warf einen Blick auf die Uhr, und erkennend, daß es eben die Zeit war, die Magda für ihr Frühstück angegeben hatte, machte er sich vom Anblick des Regens los und ging.

Magda/Benno

Das runde Gobelinzimmer, in dem früher gespeist wurde, jetzt der Frühtisch gedeckt war, erinnerte Georg beim Betreten an ein Aquarium infolge des Regenlichts in Glastür und Fenstern. Rieferling stand dort, in Zivilkleidung wie befohlen, und sagte, nachdem Georg ihm die Hand gedrückt hatte, es sei ein Telegramm gekommen, an ihn adressiert, und zog es aus der Tasche, von Birnbaum. — Georg las: Eintreffe mit Schley und Kurier mittags Birnbaum.

„Verstehn Sie das, Rieferling? Das ist beängstigend. Er weiß, daß ich nicht gestört sein will, es muß also etwas mehr als Dringendes sein. Kann er denn überhaupt reisen?“