„Meinst du? Ja, ich will dir was sagen. Als ich heut morgen erwachte, mußt ich mich fragen: Wozu dies und alles andre, tagein, tagaus? Weißt du eine Antwort? Weiß das Christentum eine? Ich fand da meine Hände zu voll, um nach Antworten zu greifen, aber — — ich muß zugeben, daß etwas fehlt. Rieferling, bitte, wenn Sie aufstehn wollen, Sie sind den ganzen Tag Ihr eigener Herr!“ Er sah den Hauptmann sich erheben und nickte ihm zu, während Magda die Hand nach ihm ausstreckte. Nach einem kleinen Zaudern bat er dann noch, Georg einmal am Tage eine Minute in eigener Angelegenheit sprechen zu dürfen, und ging.

„Versteh mich recht, Anna! Ich glaube an einen göttlichen Odem. Aber ich glaube, daß er an uns vorübergeht. Er ahnt gar nicht, daß wir sind. Unser ganzes Treiben, ja selber das tiefste Elend, und wenn wir unsern ganzen Leib wundenbedeckt saugen ließen mit diesen Wunden, so könnte ihn das um kein Haarbreit ablenken von seinem Weg durch die Welt. Wir müssen allein fertig werden.“

„Wenn du es kannst, Georg! Aber die Andern?“

„Bitte, wen meinst du? Die zum Rennen fahren und an den Kinokassen Spalier stehn? Oho, Anna, bist du der Meinung, daß es eine einzige Religion gäbe, wenn kein Leiden wäre?“

„Ja, warum auch sonst, Georg, warum?“

Georg schwieg im Gefühl, daß sie jeder nach einer andern Richtung sprächen. Er sah sie dasitzen, einen Arm flach auf dem Tischtuch, während der letzten Minute mit kleinen unsicheren Aufschlägen der gesenkten Augen, im Ganzen aber in einer Sicherheit, die fast wundervoll schien. Ihr Antlitz, gesammelt und getrost, schien auf geheimnisvolle Weise die Augen ersetzt zu haben und war voll lebendigen Ausdrucks an jeder Stelle. Nichts Ratloses, kaum Tastendes war in ihren Bewegungen, und nur genaueres Hinsehn konnte gewahren, daß sie etwa, um nach der Tasse zu greifen, erst den Unterarm auf den Tisch legte, dann die Finger ausstreckte, die Hand weiter vor schob und, den Teller daneben mit einem Ahngefühl seitwärts lassend, zur Tasse. Schön breit lag nun ihre Stirn unter dem mittwärts gescheitelten und zur Seite gestrichenen Haar, dessen lockere Bäusche über den Schläfen ein liebliches Kapitäl formten. Übrigens war es dunkler geworden und ihre ganze Erscheinung, wie Georg sie umfaßte, heute schöner, als sie vor Jahren anmutig gewesen war.

„Nun, Georg, was denkst du?“ hörte er sie fragen, erschreckt inne werdend, daß sie dasaß und all die Zeit nichts sah.

„Wie schön aber deine Singstimme geworden ist!“ sagte er liebevoll, und ihr Gesicht glänzte auf. „Ich bin erschrocken gestern, als ich hörte, wie tief sie ist!“ Er fand keine Lobesworte mehr, die ihm einfältig erschienen, schwieg und setzte im Innern die Rede fort: Es ist die Stimme eines Menschen, der die nicht sieht, für die er singt. Sie will niemand bezaubern, sie gebärdet sich nicht, sie geht ihres geraden Weges, um Gottes willen.

„Ja, Georg, wovon sprachen wir noch eben?“ fragte sie derweil.

„Religion eine Panazee für das Leiden. Und das ist mir zu wenig. Liebe Anna, ist Leiden das ganze Leben?“